© Andreas Gebert

Machtkampf, Kandidaten-Chaos, Umfragetief: Die CSU am Limit

München (dpa/lby) – Kurz vor der mit Spannung erwarteten Entscheidung zur Zukunft von Parteichef Horst Seehofer herrscht in der CSU Chaos, Ärger und Verwirrung. Als reiche es nicht aus, dass Berichte über vermeintliche Geheimtreffen für die Spitzenkandidatur und angebliche Zusagen von Innenminister Joachim Herrmann die Runde machten, folgte am Donnerstag der nächste Tiefschlag: In einer Umfrage sackte die CSU auf 37 Prozent ab – weniger als ein Jahr vor der Landtagswahl eine verheerende Nachricht, die die Stimmung in der Partei noch weiter verschlechtern dürfte. Doch eins nach dem anderen.

Die ohnehin seit Wochen in großer Unruhe befindliche Landtagsfraktion erlebte am späten Mittwochnachmittag ein Erdbeben: Die «Süddeutsche Zeitung» und der «Münchner Merkur» berichteten übereinstimmend, Herrmann habe in der vertraulichen Sitzung in der Staatskanzlei erklärt, er wolle Seehofer als Ministerpräsident beerben und sich um die Spitzenkandidatur bewerben, sollte dieser zu einem Verzicht bereit sein. An dem Treffen soll neben Seehofer ein kleiner Kreis weiterer hochrangiger CSU-Politiker teilgenommen haben. Sollte der 61-Jährige tatsächlich seinen Hut in den Ring werfen, wäre eine Kampfabstimmung mit Finanzminister Markus Söder unausweichlich.

Während Herrmann sich öffentlich überhaupt nicht zu seinen Karriereplänen äußern wollte, gab er sich gegenüber einigen Parteifreunden auskunftsfreudiger. Er habe gar nichts zugesagt – so zitierten ihn am späten Abend übereinstimmend mehrere CSU-Landtagsabgeordnete, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Fraktionskreisen erfuhr. Herrmann habe aber Gespräche am Montag in der Staatskanzlei bestätigt.

Nichtsdestotrotz schlugen die Berichte dem Vernehmen nach ein «wie eine Bombe». Die Landtagsfraktion sei in heller Aufregung gewesen. Herrmann gilt als einer der loyalsten Unterstützer Seehofers, Söder als dessen größter Kritiker – damit würden sich die beiden Lager in der CSU bei der Kandidatenkür offen gegenüberstehen.

Im Fernsehen lehnte der meist schweigsame Herrmann am Mittwochabend jeden Kommentar dazu ab und ließ damit die Chance verstreichen, seine Parteifreunde zu beruhigen. «Ich bleibe dabei, ich sage da im Moment nichts zu», sagte er in der «Münchner Runde» des Bayerischen Fernsehens. Das sei «ein Gebot des Anstands». Wiederholt wich er der Frage aus, ob er Interesse an der Spitzenkandidatur habe. Erst müsse Seehofers Erklärung abgewartet werden. Spätestens am Montag wird mit einer Aussage Seehofers gerechnet, um 11.00 Uhr kommt in München der Parteivorstand zusammen.

Zweieinhalb Stunden davor, um 8.30 Uhr, kommt am Montag schon die Landtagsfraktion zusammen, sie will unbedingt noch vor der Sitzung des Parteivorstands ihren eigenen Favoriten wählen – die Entscheidung hat aber keine bindende Wirkung für den Vorstand. In der Fraktion werden Söder deutlich mehr Anhänger und Unterstützer zugeordnet als Herrmann, der bereits CSU-Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl war. Die CSU fuhr dabei im September ein historisch schlechtes Wahlergebnis ein, seither steht Seehofer unter Druck. Herrmann war in den vergangenen Wochen bereits wiederholt für die personelle Neuaufstellung der CSU von Parteifreunden ins Spiel gebracht worden.

Zumindest in der Landtagsfraktion sehen viele Herrmann aber auch kritisch. Sie fürchten, dass er die CSU im kommenden Jahr bei der Verteidigung der absoluten Mehrheit nicht hinreichend unterstützen könnte. Insbesondere wegen der in Bayern starken AfD sehen hier viele Söder als besseren Kandidaten. Auch Söder hatte sich bislang noch nicht zu seinen Karriereplänen geäußert, seine Bereitschaft ist aber seit Jahren ein offenes Geheimnis in der CSU.

Angesichts der aktuellen Umfragewerte der CSU dürfte es in beiden Sitzungen hoch hergeben. In einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des GMS-Instituts für «17:30 SAT.1 Bayern» sagten 83 Prozent, die CSU wirke auf sie derzeit «eher zerstritten» als einig und geschlossen. Noch schlimmer dürfte aber wirken, dass die absolute Mehrheit für 2018 immer unwahrscheinlicher erscheint: Nur noch 37 Prozent würden derzeit die CSU wählen. Satte 10,7 Prozentpunkte weniger als bei der Wahl 2013.

Offen ist noch, wie sich Seehofer verhält. Viele in der Partei gehen davon aus, dass er zunächst den Posten des Parteichefs behalten wird, ein Verzicht auf die Spitzenkandidatur gilt aber als wahrscheinlich. Sollte Seehofer auch nicht mehr für das Amt des Parteichefs zur Verfügung stehen, gelten Landesgruppenchef Alexander Dobrindt und Parteivize Manfred Weber als aussichtsreiche Kandidaten. Doch auch von ihnen gibt es noch keine Aussagen dazu.

Alle in der Partei warten auf Seehofers für Montag angekündigte Erklärung. Die finale Entscheidung zur Spitzenkandidatur steht dann am 15. und 16. Dezember auf dem CSU-Parteitag in Nürnberg an, dann soll auch der Vorstand turnusmäßig neu gewählt werden.