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Der Sommer 2017: zu nass, zu heiß, zu stürmisch?

Offenbach/Berlin (dpa) – Hitze, Regenfluten, Flugausfälle wegen Sturm, Klagen von Landwirten: Das Wetter sorgt in diesem Sommer für viele Schlagzeilen, gefühlt in immer kürzeren Abständen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) gibt immer wieder Warnungen vor Unwettern heraus. Spielt das Wetter verrückt? Oder denken wir das nur?

«Das kann man so allgemein nicht sagen, denn Unwetter sind immer Einzelereignisse», sagt Gerhard Lux, Meteorologe und DWD-Pressesprecher. Erst bei der Betrachtung über beispielsweise 30 Jahre ließen sich deutliche Trends ablesen. «Unsere Statistiken zeigen beispielsweise keinen signifikanten Trend bei der Häufigkeit von Stürmen oder Orkanen in Europa.»

Dagegen zeige sich fast überall ein Trend, dass es häufiger stark regnet mit 50 und mehr Litern pro Quadratmeter. Die Folge: vollgelaufene Keller, überflutete Flüsse und durchweichte Dämme. Die Starkregenfälle könnten mit einem verstärkten Wasserkreislauf aufgrund des Klimawandels zu tun haben: «Wird unsere Atmosphäre immer wärmer, kann sie immer mehr Wasser verdunsten und auch transportieren», begründet Lux.

Ein Ausnahme-Unwetter-Sommer ist der Sommer 2017 nach den Worten des Experten bislang nicht: «Wechselhaftes Wetter ist in unseren Breiten der Normalfall. Dazu gehören gelegentliche Wetterkapriolen.» In Deutschland sei von Mitte Mai bis Ende August Gewittersaison – und das bedeute immer auch extreme Situationen.

Ähnlich sieht das Wetterexperte Jörg Kachelmann. Auch er findet den vielerorts regenreichen Sommer durchaus normal: «Die groteske Wahrnehmung bei vielen Menschen im Lande ist, dass es normal wäre, wenn es jetzt wochenlang Sonne und Hitze gäbe», sagte er kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. Doch Juni und Juli seien «in Deutschland die Monate mit dem meisten Regen im Durchschnitt».

Mit Blick auf die Extremwetter-Gefahren steht Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern noch sehr gut da: Im Weltrisikoindex der Universität der Vereinten Nationen lag Deutschland 2016 auf Rang 147 von 171 bewerteten Staaten – weit hinter Pazifikinseln wie Vanuatu und Tonga, die häufig oder besonders schwer von Tsunamis und Stürmen betroffen sind. Auch die verheerenden Tropenstürme, die in den vergangenen Jahren etwa die Karibik und die Philippinen trafen, sind weitaus extremer als die Unwetter zwischen Nordsee und Alpen.

«In der Langzeitbetrachtung sehen wir, dass sich Jahre mit hohen Schäden und solche mit nur wenigen Schäden die Balance halten – auch wenn die Abstände dazwischen deutlich kürzer werden», betont allerdings Kathrin Jarosch vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Nach einem Bericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums kam es zwischen 2002 und 2015 zu insgesamt fünf folgenschweren Extremwetterlagen, darunter mehrere Hochwasser und der Orkan Kyrill, der allein in der Forstwirtschaft einen Schaden von 1,9 Milliarden Euro anrichtete.

Eine solche Katastrophe gab es in diesem Jahr bislang nicht, doch Landwirte haben trotzdem zu kämpfen: «Die Frostnächte im April haben den Erdbeeren und den Kirschen schwer geschadet», sagt etwa Bernd Weber, Sprecher des Hessischen Bauernverbands. Hohe Temperaturen ließen den Winterweizen zu schnell reifen – da seien «eher kleine Körner und nur ein mäßiger Ertrag» zu erwarten. Dass es ausgerechnet zur Getreideernte häufig regnete, verstärkt die Sorgen der Bauern.

«Unsere Agrarwirtschaft wird sich vor allem auf strukturelle Änderungen der Sommer- und Winterniederschläge einstellen müssen, auf längere Trockenperioden im Frühjahr oder Sommer, auf Starkniederschläge, die dann sehr viel Wasser bringen», sagt auch DWD-Sprecher Lux. Denn wenn sich das Klima in Mitteleuropa wandele, ändere sich teilweise auch das aktuelle Wetter. «Das heißt, Witterungsperioden, die wir als normal bezeichnen würden, nehmen in ihrer Häufigkeit langsam ab. Im gleichen Maße werden extreme Wettersituationen bis Ende dieses Jahrhunderts zunehmen.»

Macht das auch die korrekte Vorhersage von Wetterkapriolen schwerer? «Wettervorhersagen sind heute bereits so detailliert und treffsicher geworden, da macht es keinen Unterschied, welches Wetter das nun gerade ist», versichert Lux.

Extreme Wettersituationen sorgen natürlich für mehr Arbeit bei den Meteorologen, wenn etwa Flughäfen, Landwirte und andere Betroffene mitunter rund um die Uhr beraten werden. Da passt es, dass der Bundestag im Juni das Gesetz über den DWD änderte und der Behörde den Auftrag gab, verstärkt zum Klimawandel zu forschen und Politik und Wirtschaft bei der Anpassung an die Folgen zu beraten. Amtliche Warnungen soll es nun nicht nur bei einer Gefährdung der Sicherheit der Menschen durch Sturm oder Hitze geben, sondern auch, wenn Wetterereignisse potenziell hohe Schäden anrichten können.