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Corona-Mutation in Tirol: Grenzschließung als Ultima Ratio?

München/Wien (dpa/lby) – Die Sorge um die Ausbreitung der südafrikanischen Corona-Mutation aus Tirol wächst. Von Freitag an darf das österreichische Bundesland für zehn Tage nur noch mit negativem Coronatest verlassen werden, wie Kanzler Sebastian Kurz am Dienstag in Wien ankündigte. Ausnahmen gelten für das Gebiet Osttirol und für Kinder. Für deutsche Pendler gibt es nun teilweise neue und strengere Regeln.

Weiterhin gilt für Pendler, dass sie sich für die Einreise online registrieren und einmal pro Woche einen negativen Coronatest vorzeigen müssen. Zusätzlich teilte das österreichische Innenministerium Dienstagabend auf Anfrage mit, dass deutsche Pendler für die Ausreise in ihre Heimat aus Tirol ab Freitag einen aktuellen Corona-Test brauchen. Das Ergebnis darf nicht älter als 48 Stunden sein. Die Nichtbeachtung der neuen Regelung kann bis zu 1450 Euro kosten.

Deutsche Politiker hatten bereits zuvor vor einem Überschwappen der Mutation nach Bayern gewarnt und die allgemeinen Lockerungen in Österreich kritisiert. Dort durften – bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von aktuell 104 – seit Montag Geschäfte und Friseure, die Schulen und Museen wieder öffnen.

Auch eine Schließung der Grenzen scheint nun nicht mehr ausgeschlossen. Sollte die Gefahr in Tirol wachsen, dürfe dies kein Tabu sein, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) dem «Münchner Merkur» (Dienstag). Er halte es für «diskussionswürdig, dass Österreich in dieser unsicheren Situation weitgehende Öffnungen erlaubt, obwohl die Inzidenz dort deutlich höher als in Bayern ist».

Eine Schließung der Grenzen könne «Ultima Ratio» sein, sagte CSU-Generalsekretär Markus Blume in der Sendung «Frühstart» von RTL und n-tv. «Die größte Gefahr, sie geht nach meinen Dafürhalten im Moment nicht von der Kita aus, sie geht auch nicht vom Friseur aus. Sie liegt tatsächlich eher an der Grenze, weil wir sehen, dass sich um uns herum schon wieder eine Welle von Corona, die dritte Coronawelle aufbaut», sagte Blume. «Wir werden nicht zulassen, dass sich diese Welle über die Grenze zu uns nach Deutschland breit macht.»

Auch am Dienstag wurden Reisende an den Grenzen zwischen Österreich und Deutschland streng überprüft. Die Bundespolizei kontrollierte engmaschig an Haupt- und Nebenstrecken. «Wir versuchen, möglichst viel zu kontrollieren», sagte auch der Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, Stefan Sonntag. Die Einhaltung der Vorschriften von der Einreise-Anmeldung bis zur Test-Pflicht werde an Kontrollpunkten nicht nur stichprobenartig überwacht, sondern deutlich intensiver.

Auch auf österreichischer Seite wurden die Kontrollen verschärft. Am Übergang Walserberg Richtung Salzburg bildeten sich Schlangen, auch in Freilassing stockte der Verkehr.

Die südafrikanische Mutation, die als ansteckender und gefährlicher gilt, ist nach Angaben des Wiener Gesundheitsministeriums in Tirol bisher in rund 300 Fällen nachgewiesen worden. Die Zahl der aktiven Fälle betrage 129. Das Land ging bisher von geringeren Zahlen aus.

Laut Kanzler Kurz ist der Ausbruch in Tirol derzeit der größte bekannte derartige Fall in der EU. Ein Problem sei auch, dass der Impfstoff von Astrazeneca möglicherweise gegen die Mutation nicht so wirksam sein soll. «Je stärker, je schneller, je entschlossener man hier reagiert, desto besser», so Kurz.

Das Auswärtige Amt in Berlin rät von allen nicht notwendigen, touristischen Reisen nach Österreich ab. Ganz Österreich – mit Ausnahme der Exklaven Jungholz und Kleinwalsertal – gilt als Risikogebiet.

Die Reisewarnung aus Wien für das eigene Bundesland Tirol vom Vortag war vor allem als Signal gewertet worden. Diese hat jedoch nur einen Appell-Charakter. Die Reisewarnung sei ein «Rülpser aus Wien», meinte das ÖVP-Landesvorstandsmitglied Franz Hörl noch am Montagabend im ORF.

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