Der Sarg des verstorbenen emeritierten Papstes Benedikt XVI. ist auf dem Petersplatz für eine öffentliche Trauermesse im Vatikan aufgestellt., © Vatican Media/Vatican Media/AP/dpa

Eine Trauerfeier nach Benedikts Geschmack

Papst Franziskus wartet noch einmal auf Benedikt. Vor den Treppen des Petersdoms tritt er auf einen Gehstock gestützt an den Sarg des emeritierten Pontifex heran. Er berührt das Zypressenholz, macht das Kreuzzeichen, betet und verneigt sich kurz. Dann wird der Leichnam von Benedikt XVI. zur Beisetzung in die Basilika getragen.

Ganz am Schluss der Trauerfeier für den deutschen Papst gab es im Vatikan noch mal diesen emotionalen Moment. Benedikts langjähriger Privatsekretär und Vertrauter Georg Gänswein hatte schon vor dem Requiem auf dem Petersplatz den Sarg geküsst. Ansonsten wurde an einem feuchtkalten Januarmorgen in Rom auf große Gesten verzichtet.

«Würdig, einfach und schlicht» sei die Feier gewesen, «so wie Benedikt sich das gewünscht hat», sagte der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer nach dem Gottesdienst. Und schon am Tag danach schien wieder business as usual im Vatikan zu herrschen, als Franziskus die Messe zum Dreikönigsfest im Petersdom zelebrierte. In seiner Predigt zitierte er Benedikt, aber für Ruhe nach den aufregenden Tagen um seinen Tod war im Kirchenkalender kein Platz.

Irgendwie spiegelte die Feier Benedikts Wesen und Werk wider. Der Oberbayer war in erster Linie Theologe und – nicht nur in seinen zwei Jahrzehnten an der Spitze der vatikanischen Glaubenskongregation – ein scharfer Verteidiger des Glaubens und der Kirche. Seine Totenmesse wurde großteils auf Latein zelebriert.

Benedikt war nie ein Anhänger des Pomps. An große Menschenmassen, denen er nach seinem – nach eigener Aussage ungewollten – Aufstieg auf den Stuhl Petri gegenüberstand, musste er sich erst herantasten. Dass am Donnerstag nach Vatikan-Angaben nur rund 50 000 Menschen auf den Petersplatz zur Totenmesse kamen und damit deutlich weniger als die Hunderttausenden 2005 beim Requiem von Johannes Paul II. – womöglich hätte das Benedikt sogar gefreut.

Immerhin waren viele Gläubige aus seiner geliebten Heimat Bayern unter den Gästen. Als Franziskus die Predigt begann, lichteten sich erstmals sogar die Wolken über dem Vatikan und tatsächlich schimmerte für einige Momente ein blau-weißer Himmelsfleck hervor. Dann aber zog es doch wieder zu, es blieb kühl und ungemütlich auf dem Platz.

Und auch Franziskus dürfte mit seiner Ansprache nicht alle Herzen erwärmt haben. Es sei der «geistliche Stil von Papst Benedikt» zu erkennen gewesen, erklärte Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Benedikt hätte die Predigt gefallen, meinte er. Franziskus ging kaum persönlich auf den Toten und dessen Leben ein. Das sehe die katholische Liturgie auch nicht vor, meinte Bischof Voderholzer, der sich um den Nachlass Benedikts kümmert.

Ironischerweise hatte just Benedikt selbst, als er noch Kardinal Joseph Ratzinger war und die Totenmesse für Johannes Paul II. zelebrierte, in der Predigt sehr wohl viel Persönliches über den so beliebten Polen erzählt. Franziskus sagte erst ganz am Ende seiner Ansprache direkt an Benedikt: «Benedikt, du treuer Freund des Bräutigams, möge deine Freude vollkommen sein, wenn du seine Stimme endgültig und für immer hörst!» Mit Bräutigam ist Jesus gemeint.

Das Requiem war auch ein Staatsakt, vor allem für Deutschland. Von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über Kanzler Olaf Scholz (SPD) und Oppositionschef Friedrich Merz (CDU) bis hin zu den Spitzen von Bundestag, Bundesrat und Bundesverfassungsgericht war die politische Elite nach Rom geflogen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) würdigte Benedikts «große, beeindruckende Lebensleistung». Steinmeier bezeichnete den im Alter von 95 Jahren Verstorbenen als herausragenden Theologen von großer Bescheidenheit.

Viele deutsche Gäste berichteten nach der rund eineinhalbstündigen Liturgie allesamt von einer bewegenden Feier. Die Gefühle entstehen vor allem aus den Erinnerungen an Benedikt. Söder erzählte, der emeritierte Papst habe von Gästen aus Bayern immer wissen wollen, was es Neues in der Heimat gebe; als Mitbringsel seien keine Kerzen, dafür Schmankerl wie Weißbier oder Weißwürste gewünscht gewesen.

Franz Reichel von der Gebirgsschützenkompanie Gmund am Tegernsee sprach von einer «Ehre und Pflicht, beim Abschied teilzunehmen». Die Gebirgsschützen, bei denen Benedikt Ehrenmitglied war, waren mit 200 Leuten in Bussen angereist. Mit Blasmusik marschierten sie am Morgen durch den dichten Nebel der italienischen Hauptstadt zum Petersplatz. Zum Abschluss des Requiems spielte die Feuerwehr-Blaskapelle aus Unterpfaffenhofen auf dem Platz dann sogar noch die Bayern-Hymne.

«Er ist schon eigentlich ein Vater von mir gewesen», sagte Erzbischof Gänswein in dieser Woche in einem Interview. Er saß auf dem Petersplatz in der ersten Reihe und ging dann hinter dem Sarg seines Mentors in die Basilika. Benedikt wurde an jener Stelle beigesetzt, an der schon Johannes Paul II. gelegen hat. Als Gänswein mit den Frauen, die sich in den vergangenen Jahren in einem Vatikan-Kloster um den Papa Emeritus gekümmert hatten, in der unterirdischen Gruft an den Sarg trat und betete, hatte er Tränen in den Augen, wie auf Videoaufnahmen zu sehen war.

«Danke Papst Benedikt», stand auf einem Plakat, das deutsche Katholiken hochhielten. «Santo Subito!», riefen andere. Von einer schnellen Heiligsprechung – ähnlich wie bei Johannes Paul II. – träumen die Anhänger des deutschen Pontifex. Kardinal Gerhard Ludwig Müller meinte in einem Interview, dass Benedikt «de facto» schon ein Kirchenlehrer sei, also einer der größten Theologen des Christentums.

Müller war ein Vertrauter von Benedikt und nicht immer einverstanden mit Franziskus. Spannend wird, ob die Kritiker des Argentiniers nach dem Tod des konservativeren Ratzinger nun lauter oder leiser werden.