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Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr beendet

Berlin (dpa) – Nach dem Ende des Einsatzes in Afghanistan sind die letzten Bundeswehrsoldaten nach Deutschland zurückgekehrt. Die Männer und Frauen kamen am Mittwoch in drei Transportflugzeugen der Luftwaffe auf dem niedersächsischen Fliegerhorst Wunstorf an.

Der Auftrag sei in herausragender Weise erfüllt worden, sagte der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, Generalleutnant Erich Pfeffer, bei einem Rückkehrerappell. «Sie haben sich nicht beirren lassen von unklaren Lagen, häufigen Änderungen der Rahmenbedingungen und auftretenden Friktionen.» Auf einen großen Empfang verzichtete die Bundeswehr mit Verweis auf die Pandemie.

Mehr als zwölf Milliarden Euro

Der Einsatz in Afghanistan war einer der längsten in der Geschichte der Bundeswehr. Ursprünglich sollten die USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 militärisch unterstützt werden. Im Januar 2002 trafen die ersten Kräfte in der Hauptstadt Kabul ein. Seitdem verloren 59 deutsche Soldaten ihr Leben. Mehr als zwölf Milliarden Euro kostete der Einsatz. Zunächst war der Einsatz zur Friedenssicherung gedacht, wurde dann aber zum Kampfeinsatz gegen die aufständischen Taliban. Zuletzt war der Kernauftrag der Nato-Truppe die Ausbildung afghanischer Streitkräfte.

Nach Angaben der Bundeswehr waren am Mittwoch 264 Männer und Frauen an Bord der drei Maschinen. Darunter waren auch 20 Soldaten des Kommandos Spezialkräfte, die zur Absicherung des am Vortag geräumten Feldlagers in Masar-i-Scharif nach Afghanistan verlegt worden waren. Die letzten deutschen Soldaten des Nato-Einsatzes «Resolute Support» hatten einen nächtlichen Zwischenstopp in Georgien eingelegt.

Die Sicherheitslage in Afghanistan hatte sich zuletzt vor allem im Norden des Landes zugespitzt. Die militant-islamistischen Taliban hatten alleine in der Provinz Balch, in der sich das deutsche Camp Marmal befand, im Juni mindestens sechs Bezirke erobert. Insgesamt haben die Islamisten seit dem 1. Mai, dem offiziellen Beginn des Abzugs der US- und Nato-Truppen, rund 90 der etwa 400 Bezirke erobert.

Die Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags, Eva Högl, dankte den Soldaten und sprach von einem «bewegenden Moment». Der Einsatz habe die Bundeswehr geprägt. Zugleich wiederholte sie ihre Forderung, der Bundestag müsse «eine kritische und ehrliche Bilanz» ziehen. Deutschland solle sich weiter in Afghanistan engagieren, etwa im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Entwicklung, in der Bildungsarbeit oder bei der Ausbildung der Sicherheitskräfte.

Hat der Einsatz Afghanistan sicherer gemacht?

General Khanullah Schudschah von der afghanischen Armee in Masar-i-Scharif bedauerte den deutschen Abzug. Nach 20 Jahren freundlicher Beziehungen sei es, «wie einen guten Freund zu verlieren», sagte Schudschah der Deutschen Presse-Agentur. Er übernahm von den deutschen Soldaten das Camp Marmal, das viele Jahre der größte Stützpunkt der Bundeswehr im Ausland war. Bei der Verabschiedung habe man Geschenke ausgetauscht, sagte Schudschah. Er habe vom deutschen Kommandeur Ansgar Meyer ein Schwert erhalten und diesem einen handgeknüpften Teppich geschenkt.

Die Linke stellte den gesamten Einsatz infrage. «Gemessen an Zielen wie Stabilität, dem Aufbau eines demokratischen Staates und dem Schutz der Grundrechte kann man den Einsatz nur als gescheitert bezeichnen», sagte Parteichefin Susanne Hennig-Wellsow der Deutschen Presse-Agentur. Es stelle sich die Frage, ob der Einsatz je geeignet gewesen sei, die genannten Ziele zu erreichen, oder ob es nicht bessere zivile Mittel gegeben hätte. «Und diese Frage stellt sich in meinen Augen für jeden Auslandseinsatz der Bundeswehr.»

Die Bundeswehr hatte den Abzug zuletzt deutlich vorantreiben müssen, nachdem die US-Regierung unter Präsident Joe Biden den Abzug beschleunigt hatte. Die letzten internationalen Soldaten sollen bis spätestens 11. September Afghanistan verlassen haben, vermutlich werden sie das aber bereits viele Wochen früher tun. Die letzten Soldaten des italienischen Kontingents trafen bereits am Dienstagabend auf dem Militärflughafen von Pisa ein. Vor Beginn der Rückverlegung im Mai waren noch 1100 Männer und Frauen der Bundeswehr in Afghanistan gewesen.

Kritik an Bundeswehr von Helfern vor Ort

Am Tag nach dem Abzug bekräftigten mehrere afghanische Ortskräfte ihre Forderung nach schnellem Schutz in Deutschland. Man habe sie in einer unklaren Situation zurückgelassen, sagten sie der Deutschen Presse-Agentur. Ein Ex-Angestellter der Bundeswehr, der bereits ein Visum für die Ausreise nach Deutschland hat, sagte, das geplante Ortskräfte-Büro sei noch immer nicht geöffnet. Es hätte ihn bei der Ausreise unterstützen sollen.

Nun überlege er angesichts zunehmender Kampfhandlungen und dem Vorrücken der Taliban in der Provinz Balch, wo das Feldlager der Bundeswehr lag, eine Ausreise auf eigene Faust. «Sie hätten uns schicken sollen, bevor sie selbst weg sind», kritisierte er die Bundeswehr. Eine zweite Ortskraft, die mehrere Jahre in Camp Marmal gearbeitet hatte, war eigenen Angaben zufolge zuletzt bei einem Subunternehmer angestellt. Daher werde ihm nun eine Übersiedlung nach Deutschland verweigert. «Der Vertrag – ein Stück Papier – ist ihnen wichtiger, als ein Menschenleben», klagte er.

Er wolle trotzdem weiter für eine Übersiedlung kämpfen. Allerdings sei nun niemand mehr im Camp, an den er sich wenden könne. Er habe eine Email-Adresse, aber sei ein einfacher Mensch und brauche Hilfe, um Emails zu schreiben. Den Aussagen der Taliban, dass Ortskräfte nichts zu befürchten hätten, wenn sie ihre Zusammenarbeit mit den ausländischen Militärs bereuten, könne er keinen Glauben schenken.

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