Sänger Dave Gahan feiert seinen 60. Geburtstag., © Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Mehr als nur Depeche Mode: Dave Gahan wird 60

«Non, je ne regrette rien», sang einst Edith Piaf, «nein, ich bereue nichts.» Bei Dave Gahan ist es wohl etwas komplizierter.

«Bereuen ist ein seltsames Wort», sagte der Depeche-Mode-Frontmann kürzlich dem «Guardian». «So blicke ich nicht mehr auf mein Leben zurück, ich brauche auch keine Ausreden mehr für Entscheidungen, die ich getroffen habe. Gut oder schlecht, sie hatten Konsequenzen.»

Drogenexzesse, Herzstillstand, Krebs – der charismatische Sänger mit dem berühmten Hüftschwung hat bewegte Jahrzehnte hinter sich. Doch vor seinem 60. Geburtstag (9. Mai) hat Gahan offenbar seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht. «Ich habe ein ziemlich gesegnetes Leben hier», sagte der britische Sänger, der heute in New York lebt. «Ich genieße einfach, was ich tue, so viel ich kann.»

Ein Dandy mit lasziven Posen

Seit über 40 Jahren steht er auf der Bühne, meistens mit Depeche Mode. Schaut man sich heute frühe Musikvideos der Band an, die 1980 im beschaulichen Basildon gegründet wurde, muss man schmunzeln. Bei einem Auftritt in der TV-Sendung «Top Of The Pops» von 1981 trägt der bubihafte Gahan ein weißes Sakko und eine schwarze Fliege. Die Haare sind artig kurz – ein unauffälliger 80er-Jahre-Schnitt. Seinen Hüftschwung zeigt der damals 19-Jährige aber schon.

Als die Band zwei Jahre später «Everything Counts» in der Kultshow präsentiert, wirkt Gahan deutlich gereifter, selbstbewusster. Aus heutiger Sicht ist da im Ansatz schon der mitreißende Performer erkennbar, der Gahan heute ist – der Dandy mit den lasziven Posen, der Rock’n’Roll-Star, der für den Exzess steht, der sein Publikum beherrscht und mittlerweile mehr ist als nur der Sänger einer der einflussreichsten Bands der Musikgeschichte.

Mit dem Debütalbum «Speak And Spell» und der Hitsingle «Just Can’t Get Enough» wurden Depeche Mode als Teil der New-Wave-Szene berühmt. Keyboarder Vince Clarke hatte die Songs fast im Alleingang geschrieben. Kurz nach der Veröffentlichung verließ er die Band, um erst Yazoo und später Erasure zu gründen. Bandkollege Martin Gore erwies sich jedoch als mindestens genauso begabt und übernahm fortan das Songwriting.

Er prägte den Depeche-Mode-Sound

Mit Pop-Klassikern wie «Everything Counts», «Enjoy The Silence» oder «Personal Jesus», die weit über den Synthie-Sound anderer Künstler ihrer Zeit hinausgingen, wurden Depeche Mode zu einer der weltweit erfolgreichsten Bands. Die überwiegend von Gore geschriebenen Songs sang Gahan mit Verve und mit Wucht. Sein markanter Gesang, oft im Zusammenspiel mit Gores sanfter Stimme, machte den Depeche-Mode-Sound besonders.

Mit seiner Bühnenpräsenz zieht Gahan das Publikum bei Konzerten in den Bann. Legendär der Auftritt von Depeche Mode im Rose-Bowl-Stadion 1988 im kalifornischen Pasadena vor 65 000 Zuschauern, der als Konzertfilm «101» veröffentlicht wurde. Der Look der Band veränderte sich mit den Jahren deutlich. Heute trägt Gahan meist enge Hosen und zeigt nicht selten seinen nackten, tätowierten Oberkörper.

Sein Drogenkonsum brachte ihn fast um

Ähnlich wie der Depeche-Mode-Sound über die Jahre dunkler und schwermütiger wurde – während die Band einen Erfolg nach dem anderen feierte – wurde es im Privatleben von Gahan zunehmend düsterer. Sein Drogenkonsum geriet außer Kontrolle. «Es ging nur noch darum, high zu werden», gestand er dem «Rolling Stone». «Alles, was ich liebte, schien egal zu sein, es war ein fürchterlicher Zustand.»

1996 stand sein Herz nach einer Überdosis für zwei Minuten still. «Es gab nur Dunkelheit», so Gahan, für den es ein dramatischer Weckruf war. «Ich hatte dieses überwältigende Gefühl, dass, was auch immer ich mit mir anstellte, absolut falsch war.»

Dass er danach wegen Drogenbesitzes festgenommen wurde, erwies sich als hilfreich. «Ich bin eigentlich dankbar, dass ich verhaftet wurde und dass der Richter mir gedroht hat, dass ich im Gefängnis lande, wenn ich nicht clean werde», sagte er im «EW»-Interview. «Denn ich habe auf ihn gehört und dann hat es Klick gemacht.» Seitdem ist Gahan nach eigener Aussage trocken und clean.

1999 heiratete er seine dritte Frau Jennifer Sklias-Gahan, mit der er eine Tochter hat. Außerdem hat er einen Sohn aus erster Ehe und adoptierte Sklias-Gahans Sohn aus einer früheren Beziehung.

Er ist nicht frei von Selbstzweifeln

Während der «Tour Of The Universe» mit Depeche Mode wurde 2009 ein Blasentumor bei Gahan festgestellt. Auch das überstand der Sänger – und sogar so schnell, dass er die Tournee nach wenigen Wochen fortsetzen konnte. Bis heute füllt Gahan mit Depeche Mode, die 2017 ihr bislang letztes Album «Spirit» rausbrachten, die großen Hallen und Stadien.

Umso überraschender, dass Gahan im «Variety»-Interview vergangenes Jahr Selbstzweifel offenbarte. «Ich stehe seit so vielen Jahren vor Menschen auf der Bühne, und es kam oft vor, dass ich mich dabei nicht ganz wohl fühle», gestand er. «Dann fühle ich mich wie ein Betrüger.»

Entsprechend benannte er sein drittes Quasi-Soloalbum mit seinem langjährigen musikalischen Kollaborateur Rich Machin alias Soulsavers. Auf «Imposter» (deutsch: Betrüger), das im November 2021 erschien, singt Dave Gahan die Songs so verschiedener Künstler wie Bob Dylan, Charlie Chaplin oder PJ Harvey. Begleitet von einer zehnköpfigen Band klingt er auch ohne Depeche Mode richtig gut.