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Münchner Missbrauchsgutachten verzögert sich bis Januar

München (dpa) – Das neue Gutachten zu sexuellem Missbrauch im katholischen Erzbistum München und Freising verzögert sich. Es soll erst Anfang des kommenden Jahres vorgestellt werden, wie die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) am Mittwoch in München mitteilte. Sie begründete die «geringfügige Verzögerung gegenüber der ursprünglich geplanten Veröffentlichung des Gutachtens» mit «in der jüngeren Vergangenheit gewonnenen neuen Erkenntnissen sowie deren intensiver Überprüfung».

Die Präsentation der Studie soll demnach in der dritten Kalenderwoche 2022, zwischen dem 17. und 21. Januar, stattfinden. «Auch die Repräsentanten der Erzdiözese München und Freising werden mit dessen Veröffentlichung erstmals über die Feststellungen und Ergebnisse des Gutachtens unterrichtet», teilte die Kanzlei mit. Die Ergebnisse sollen auf der Homepage der Anwälte veröffentlich werden – «eigenständig», wie sie in der Mitteilung betonten.

Der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, war im Frühjahr noch davon ausgegangen, dass das Gutachten im Sommer dieses Jahres veröffentlicht werden soll. Später war dann von Herbst oder Ende 2021 die Rede.

Das Erzbistum München hat das Gutachten bei der Kanzlei in Auftrag gegeben – ebenso wie einst das Erzbistum Köln, wo Kardinal Rainer Maria Woelki eine Veröffentlichung des Berichts in letzter Sekunde verhinderte und dafür schwer in die Kritik geriet.

Das neue Münchner Gutachten soll die Jahre 1945 bis 2019 untersuchen und auch veröffentlicht werden – anders als das Kölner Gutachten und anders als beim letzten Mal in München.

Denn vor rund elf Jahren hatte München als erste deutsche Diözese schon einmal einen externen Bericht zu sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt erstellen lassen, der aber nie veröffentlicht wurde. Der sogenannte «Westpfahl-Bericht» gilt seither als großes Mysterium.

Basis des neuen Gutachtens sollen die damaligen Ergebnisse sein sowie alle neuen Akten von 2010 bis Ende 2019. Die Prüfung möglicher Täter wird von vor allem Klerikern ab 2010 auf weitere hauptamtliche Mitarbeiter ausgeweitet – ebenso auf für das Erzbistum tätige Ordensleute.

«Unser Auftrag besteht insbesondere darin, sämtliche Fälle sexuellen Missbrauchs im Hinblick auf Ordnungsmäßigkeit und Angemessenheit der Sachbehandlung zu prüfen», teilte die Kanzlei am Mittwoch mit. Das Gutachten soll systemische Ursachen und Defizite offenlegen, die sexuellen Missbrauch zumindest begünstigten.

Die Prüfung soll bis in die Kirchenspitze reichen. Einer der Vorgänger von Marx war von 1977 bis 1982 Kardinal Joseph Ratzinger, der heute emeritierte Papst Benedikt.

Die Repräsentanten der Diözese, die «unserer Einschätzung nach im Untersuchungszeitraum möglicherweise fehlerhaft oder unangemessen im Zusammenhang mit der Behandlung von Fällen sexuellen Missbrauchs gehandelt haben», sollten in dem Gutachten genannt werden, hieß es in der Mitteilung. Darin wurde aber auch gleich eingeschränkt: «soweit rechtlich möglich».

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