Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) spricht bei einer Pressekonferenz., © Peter Kneffel/dpa/Archivbild

Piazolo: Zum Schuljahresstart «solide Unterrichtsversorgung»

Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) sieht die Lehrer- und Unterrichtsversorgung zum Schuljahresstart ungeachtet lauter Klagen von Lehrerverbänden insgesamt als solide an. Es gebe «immer noch ein paar offene Verträge», sagte Piazolo am Dienstag nach einer Kabinettssitzung in München. Das könne zu Schuljahresbeginn immer passieren, und das bleibe auch ein «dauerhaftes Geschäft». Auch aufgrund einer Reihe von Unbekannten – etwa Corona und Grippe – bleibe das Thema dringlich und schwierig. Wegen Corona könne es in den kommenden Wochen und Monaten «in dem einen oder anderen Bereich auch eng werden», räumte er ein.

Jetzt zum Start habe man aber «eine solide Unterrichtsversorgung», sagte Piazolo – auch wenn man zum Teil die Situation in einzelnen Landkreisen anschauen müsse. Insbesondere die Pflichtstundentafel an allen Schularten sicherzustellen, «das ist jetzt solide gelungen».

Eine konkrete Zahl, wie viele Lehrer aktuell fehlen, wollte Piazolo auf Nachfrage nicht nennen. «Es ist so, dass die Zahlen sich ständig ändern», sagte er – deshalb habe er zuletzt von einigen Hundert gesprochen. Es wäre aber «unredlich», eine exakte Zahl zu nennen.

Für mehr als 1,68 Millionen Kinder und Jugendliche begann nach den Sommerferien am Dienstag wieder die Schule. Das sind fast 46.000 oder 2,8 Prozent mehr Schülerinnen und Schüler als im Vorjahr. 30.000 davon sind aus der Ukraine geflüchtete Schülerinnen und Schüler.

Piazolo und Ministerpräsident Markus Söder (CSU) überreichten Erstklässlern einer Münchner Grundschule Schultüten mit nützlichen Dingen wie Stiften oder einem Reflektorband. Bayernweit gibt es rund 130.000 Schulanfänger. Das entspricht im Vergleich zum Vorjahr einem Plus von rund 9500 Kindern oder einem Zuwachs von knapp 8 Prozent.

In der Mitteilung der Staatskanzlei nach der Kabinettssitzung hieß es, angesichts der coronabedingten Personalausfälle, des angespannten Bewerbermarkts sowie der durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Fluchtbewegungen sei es «eine zunehmende Herausforderung, den Bedarf an Lehrkräften zu decken». Aktuell betreffe dies vor allem die Grund-, Mittel- und Förderschulen. «Auch durch Aufgaben jenseits des normalen Unterrichts wie zum Beispiel Ganztag, Inklusion oder Unterstützungsstrukturen im Bereich digitale Bildung ist der Bedarf an Lehrkräften in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.»

Piazolo wies aber Klagen des Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) zurück, wonach aktuell 4000 Lehrkräfte fehlten. «Es gab an unseren Schulen noch nie so viele Lehrkräfte wie jetzt – in Köpfen und in Stellen», sagte er. Im Schuljahr 2016/2017 habe es ähnlich viele Schüler gegeben, heute werde dieselbe Anzahl mit 7000 Lehrerstellen mehr unterrichtet. Es seien aber in der Zwischenzeit auch viele Aufgaben dazukommen, und man habe die Klassen kleiner gemacht.

Auf ein Ärgernis für Zehntklässler am Gymnasium machte der Bayerische Philologenverband (bpv) aufmerksam: fehlende Lehrbücher zum Schulstart. Die Jugendlichen sind der erste Jahrgang, der das Abitur 2026 wieder nach neun Jahren Gymnasium ablegen wird. Weil es für das G9 andere Lehrpläne gibt, wurden neue Bücher notwendig, die aber nach Angaben des bpv nun zum Teil nicht vorliegen. Bereits vor einem Jahr habe es ähnliche Schwierigkeiten für die damaligen neunten Klassen gegeben. «Dieses Jahr sind deutlich weniger Fächer betroffen, aber immer noch zu viele», kritisierte der bpv. Piazolo sagte dazu, es gebe «einige wenige» Bücher, die noch nicht gedruckt seien. Diese stünden aber digital – als sogenannte PDF-Dateien – zur Verfügung.

Das neue Schuljahr ist aber auch aus anderen Gründen eine Herausforderung: Schwierig ist etwa die Frage, wie Klassenzimmer, Gänge und Toiletten trotz der Energiekrise beheizt werden können. Auch eine mögliche neue Corona-Infektionswelle bereitet teils Sorgen. Diese könnte die angespannte Personalsituation verschärfen.

Ein Punkt soll die Lage entspannen: Schwangere Lehrerinnen sollen in absehbarer Zeit wieder unterrichten dürfen – das im Zuge von Corona eingeführte Betretungsverbot für die Schulen soll aufgehoben werden. Das kündigte Piazolo nach der Kabinettssitzung an. Man habe im Ministerrat besprochen, dass es wieder möglich sein solle, dass Schwangere auch wieder unterrichten – es solle aber keinen Zwang dazu geben, betonte er. Die Lehrerinnen sollen dies je nach Situation mit ihrem Arzt und der Schulleitung absprechen. «Die Einzelheiten werden wir noch festlegen, das wird nicht von heute auf morgen passieren», sagte Piazolo. Es werde dann auch entsprechend Fristen geben.

Der BLLV spricht insgesamt von einem «bildungspolitischen Streichkonzert», das Kernbereiche des Unterrichts und grundlegende Strukturen der schulischen Bildung angreife. Klassen seien größer, Fächer wie Musik, Kunst oder Sport würden gekürzt, ebenso Angebote zur Förderung und Differenzierung sowie Arbeitsgemeinschaften. Das gehe auf Kosten der Schwächsten. Dabei müssten Schulen ohnehin viele Defizite aus zwei Corona-Jahren auffangen, monierte der BLLV.

Auch die Landtags-Grünen sprechen vom Krisenmodus: «Wie schon vor den Ferien werden Klassen nach Hause geschickt. Unterricht fällt aus – nicht wegen Corona, sondern weil die Lehrkräfte fehlen. Fataler geht es nicht!» Der Bayerische Elternverband merkte an: «Irgendwie wird es schon laufen, das neue Schuljahr. Die Kinder werden in der Schule «verräumt» sein, und die meisten Schulstunden werden irgendwie stattfinden.» Die SPD forderte: «Wer ausreichend Lehrkräfte möchte, muss sie fair bezahlen und attraktive Arbeitsbedingungen bieten.» Deshalb müsse es für alle Schularten die Gehaltsstufe A13 geben.