© Rolf Vennenbernd

Barrikaden-Räumung schürt neuen Streit um Hambacher Forst

Kerpen (dpa) – Zwei Tage nach dem Unfalltod eines Journalisten im Hambacher Forst hat ein Polizeieinsatz den Konflikt um das Braunkohlerevier neu entfacht. Der Energiekonzern RWE wollte am Freitag – abgesichert von Polizisten – Barrikaden von den Wegen in dem Wald entfernen.

Das sei notwendig, um Flucht- und Rettungswege freizuhalten, erklärte die Polizei. Aktivisten reagierten darauf mit Sitzblockaden und Vorwürfen an die Behörden, unter anderem an NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). «Herr Reul missachtet hier nicht nur die Klimakrise, sondern auch den Respekt für Trauer», erklärte eine Sprecherin der Initiative Ende Gelände.

Im Hambacher Forst war am Mittwoch ein 27 Jahre alter Journalist durch die Bretter einer Hängebrücke zwischen zwei Baumhäusern gebrochen und gestorben. Die Landesregierung stoppte daraufhin die bis dahin laufende Räumung der Baumhütten im Wald. Das Moratorium gelte auch weiterhin, betonte die Polizei. Aber Barrieren am Boden müssten weg. Dazu zählten nicht nur aufgetürmte Äste, sondern auch sogenannte Tri- und Monopods – das sind Konstruktionen über Waldwegen, auf denen Waldbesetzer ausharren.

«Die Notwendigkeit von Rettungswegen hat sich gezeigt. RWE ist rechtlich dazu verpflichtet, diese Wege im Wald freizuhalten», teilte die Polizei mit. «Der Auftrag ist einzig und allein, das herauszuholen, was seit Beginn des Moratoriums hineingeräumt wurde», sagte ein Sprecher des NRW-Innenministeriums.

Die Aktivisten warfen der Landesregierung dagegen vor, weiter Tatsachen zu schaffen. Sie forderten einen kompletten Abzug von Polizeikräften aus dem Wald. «Wir fordern, dass Polizeipräsident Weinspach und Innenminister Reul alle laufenden Maßnahmen abbrechen», teilten Aktivisten aus der Waldbesetzung mit.

Auch wegen Geschehnissen aus den vergangenen Tagen gingen weiterhin Vorwürfe hin und her. Dabei ging es unter anderem um die Darstellung, wo sich die Polizei zum Zeitpunkt des Sturzes der Journalisten befand. Die Behörde hatte mitgeteilt, zu diesem Zeitpunkt habe es «keine polizeilichen Maßnahmen in der Nähe der Unglücksstelle» gegeben. Die Aktivisten verwiesen dagegen darauf, dass in der Baumhaussiedlung sehr wohl eine Räumung gelaufen sei – wenn auch nicht an dem konkreten Baumhaus mit der Unglücksstelle, wie ein Sprecherin von Ende Gelände sagte.

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Aachen sagte dazu, dass nach bisherigen Erkenntnissen kein Polizist an dem Baum oder einem direkt benachbarten gewesen sei – aber an einem etwas entfernten, «völlig unbeteiligten». Die Staatsanwaltschaft ging nach ersten Erkenntnissen von einem Unfall aus. Laut Obduktionsergebnis habe der Mann sehr schwere innere Verletzungen erlitten.

Auch das Vorgehen der Polizei gegen eine Frau am Vortag wurde von den Aktivisten kritisiert. Die Frau habe sich von einem Baum abgeseilt, dann sei ihr der Klettergurt abgenommen worden. Die Polizei dagegen erklärte, die Frau sei im Begriff gewesen, nach oben zu klettern. Das sei unterbunden worden. «Es ist zu gefährlich, das können wir nicht zulassen», sagte eine Sprecherin.

Umweltschützer protestieren im Hambacher Forst zwischen Köln und Aachen seit Jahren dagegen, dass der Energiekonzern RWE im Herbst weite Teile des Forstes abholzen und die Braunkohleförderung fortsetzen will. Der Wald hat nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) eine 12 000 Jahre lange Geschichte. Es gibt dort Vorkommen streng geschützter Arten wie Bechsteinfledermaus, Springfrosch und Haselmaus. Der Protest vor Ort richtet sich auch gegen den Abbau von Braunkohle allgemein. Aus Sicht von RWE ist die Abholzung des Hambacher Forsts unvermeidbar, um die Stromproduktion in den Braunkohlekraftwerken zu sichern.