Um die Fußball-WM in Katar gibt es viele Diskussionen., © Federico Gambarini/dpa

Der glitzernde WM-Schein in Katar

Auf einer der glitzernden Fassaden begrüßt das überlebensgroße Abbild von Manuel Neuer die WM-Fahrer. Die Macher der höchst umstrittenen Fußball-Weltmeisterschaft in Katar werben mit dem Kapitän der deutschen Nationalmannschaft und anderen Stars mitten in Doha.

Nach jahrelangen Diskussionen über Korruption und Menschenrechte wird das Turnier mit der Partie des Gastgebers gegen Ecuador am Sonntag (17.00 Uhr/ZDF und MagentaTV) geräuschvoll eröffnet. Die Begeisterung insbesondere in Deutschland scheint jetzt, wo es so weit ist und auch Bundestrainer Hansi Flick mit seiner DFB-Auswahl am Golf angekommen ist, auf einem Tiefpunkt.

In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur gaben nur vier Prozent der Befragten an, es richtig zu finden, dass die Endrunde in dem Emirat ausgerichtet wird. Zwei Drittel finden es eher oder klar falsch, dass bis zum 18. Dezember in und um Doha gespielt wird. Das deckt sich mit dem lautstarken Protest vieler Fans in Deutschland, die in den vergangenen Wochen zum persönlichen Boykott aufgefordert haben. Zwanglose Fußballfeste zur ungewöhnlichsten Jahreszeit neben Weihnachtsbäumen und Adventskränzen bleiben schwer vorstellbar.

Gekaufte Fans?

In Katar wird ein anderes Bild vermittelt. Bunte Bilder und Videos von feiernden Menschen mit Fan-Requisiten etlicher WM-Teilnehmer gingen in den vergangenen Tagen um die Welt. Überall in der Metropole ist der WM-Schriftzug sichtbar, auch ein Grüppchen in Schwarz-Rot-Gold verbreitete Stimmung. Alle gekauft, vermuten Beobachter in den sozialen Medien. Das WM-Organisationskomitee und Menschen, die mitjubelten, weisen das zurück. Die WM, so die Organisatoren stelle «wirklich einen Moment» dar, «der Fans aus der ganzen Welt verbindet». Katar, dein Weihnachtsmärchen?

FIFA-Präsident Gianni Infantino, der auch ohne die Unterstützung des Deutschen Fußball-Bundes im kommenden März nicht um die Wiederwahl für eine dritte Amtszeit bangen muss, hat längst «die beste WM aller Zeiten» versprochen. Wie immer. Selbst die Eröffnungsfeier wird bereits angepriesen. «Zum ersten Mal» werde es nicht nur jemand sein, der vor dem Anpfiff singt, zitiert die Nachrichtenagentur AP einen der Kreativen hinter den 30 Minuten Show im Al-Bait Stadion, in die Katar ordentlich investiert habe. Das passt zum großen Schein dieser WM, hinter den Kulissen des streng islamischen Landes wird dem Vernehmen nach weiter über Bierpreise gestritten. Wie Kultur und Gesetzeslage am Golf mit Tausenden Fans aus aller Welt zusammenpassen, werden die ersten WM-Tage zeigen.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf wird an diesem Freitag im luxuriösen Teamquartier der Nationalmannschaft weit im Norden des Landes weitere Einordnungen vornehmen. «Ich glaube, dass das Turnier den Sport schon verändert hat», hatte der 61-Jährige zuletzt gesagt. Der Sport sei «politischer geworden». Mit anderen europäischen Verbänden hat der DFB eine Art Arbeitsgemeinschaft gebildet, wie mit dem Gastgeber und der Kritik zu verfahren ist.

«One Love»-Kapitänsbinde statt Regenbogen

Das gemeinsame Symbol – die mehrfarbige «One Love»-Kapitänsbinde – hatte zu Kritik geführt, weil es nicht der (noch) symbolträchtigere Regenbogen ist. Die Sicherheit und Freiheit der Menschen der LGBTQI*-Community ist neben den Lebensbedingungen für die Millionen ausländischen Arbeiter in Katar eines der großen und besorgniserregenden WM-Themen.

«So schwer es euch fällt, liebe Fußballfans, lasst den Fernseher aus Protest aus! Boykottiert diese WM! Fahrt nicht nach Katar! (…) Gebt dem menschenverachtenden System aus FIFA und Katar keinen einzigen Cent», teilte der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) mit. LGBT ist die englische Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell und Transgender. Oft werden auch die Varianten LGBTQ, LGBTQI oder LGBTQIA* verwendet. Jeder Buchstabe steht für die eigene Geschlechtsidentität oder die sexuelle Orientierung. Innenministerin Nancy Faeser hatte von ihrem Besuch beim WM-Gastgeber eine «Sicherheitsgarantie» der Regierung Katars für alle Fans mitgebracht. Eine «reine Farce», schreibt der LSVD. Homosexualität ist im Emirat per Gesetz verboten.

Die deutschen Fans im «Fan Club Nationalmannschaft» werden ihr Quartier in Dubai beziehen und zu den Gruppenspielen gegen Japan (23. November), Spanien (27. November) und Costa Rica (1. Dezember) einfliegen. Der DFB betonte, dass «durch unsere Fans keine zusätzlichen Flüge gechartert werden müssen, sondern wir uns mit unserer Gruppe auf die bereits vorhandenen Flug-Angebote aufteilen».

DFB-Team will sich «nicht wegducken»

Ob Mitglieder der mit Katar in der Energiekrise neu verbundenen Bundesregierung nach Katar reisen, ist offen. Faeser wollte bei der Japan-Partie auf der Tribüne sitzen, nach homophoben Äußerungen eines WM-Botschafters in der ZDF-Dokumentation «Geheimsache Katar» ist der Katar-Flug der SPD-Politikerin nicht mehr gesetzt.

Die DFB-Auswahl soll sich in Katar vornehmlich auf die komplizierte Titelmission konzentrieren – und Neuendorf möglichst große Teile der Menschenrechtsdebatte übernehmen. Flick betonte aber, die Mannschaft, die sportlich beim letzten Test gegen Oman (1:0) nur sehr leidlich überzeugte, werde sich «nicht wegducken». Es sei «enorm wichtig, dass wir als DFB auf der einen Seite uns auf das Sportliche konzentrieren, aber auch klar ansprechen müssen, was die Menschenrechtssituation in Katar ist. Da müssen wir unsere Augen und Ohren offenhalten. Wir wollen uns nicht wegducken und ganz klar auf die Missstände aufmerksam machen.» Das ist Umfragen zufolge auch die Erwartung in Deutschland.

Sportlich glaubt knapp ein Drittel der Deutschen an den Einzug ins Halbfinale der WM in Katar, den Titelgewinn trauen der DFB-Auswahl nur wenige zu. Offen bleibt, wer in Deutschland wirklich zuschaut. In der Umfrage gab knapp mehr als ein Viertel der Befragten an, voraussichtlich gleich viele Spiele im TV zu verfolgen wie bei vergangenen Weltmeisterschaften (26 Prozent). 20 Prozent planen damit, weniger Partien zu verfolgen, 19 Prozent rechnen damit, kein Spiel zu verfolgen. Nur fünf Prozent gaben an, voraussichtlich mehr Spiele zu schauen. 23 Prozent äußerten, sich generell nicht für Fußball zu interessieren und deshalb kein Spiel zu verfolgen. 7 Prozent machten keine Angaben.