Stille. Nur ein paar Vögel sind zu hören. Und dann: zwei komplett ineinander verkeilte Züge. «Es sah aus, als wäre es ein Zug, der in der Mitte detoniert war», erinnert sich Wolfram Höfler. «Vögel haben gezwitschert, ansonsten völlige Ruhe, kein Schreien – nichts.»
Die Szenerie hat sich bei ihm eingebrannt. Der Feuerwehrkommandant war als Einsatzleiter einer der Ersten, die nach dem verheerenden Zugunglück von Bad Aibling am 9. Februar 2016 am Unfallort eintrafen. Mit zwölf Toten und 89 Verletzten war es eines der schwersten Zugunglücke in Deutschland.
Gegen 6.45 Uhr rasen an diesem Faschingsdienstag zwischen Kolbermoor und Bad Aibling im Landkreis Rosenheim zwei Regionalzüge in voller Fahrt aufeinander zu. Die Strecke ist eingleisig – es kommt zu einem Frontalzusammenstoß. Ein Triebwagen wird aus dem Gleis geworfen, der entgegenkommende bohrt sich in einen Waggon des anderen Zuges und schlitzt ihn auf.
Minuten später sind die ersten Helfer vor Ort. Zunächst dürfen sie nicht in die zerstörten Waggons. Die Strecke ist elektrifiziert – Stromschlaggefahr. Dann sieht Höfler Fahrgäste. «Passagiere, die noch mobil waren, haben die Türen aufgedrückt.» Der Erste klettert aus dem Zug. Höfler hat nur einen Gedanken: «Gibt es einen Lichtbogen?» Doch nichts geschieht.
Eigentlich dürften die Helfer erst nach offizieller Stromabschaltung und Erdung in den Zug. Doch das hätte wertvolle Zeit gekostet. Die Retter arbeiten sich von den Zugenden aus vor. Höflers erste Aufgabe: erkunden. Er legt Verletzten kurz die Hand auf die Schulter. «Wir kommen gleich, Ruhe bewahren, Sie werden herausgeholt.»
Wer laufen kann, den bittet der Einsatzleiter, den Zug selbst zu verlassen. Ein Mann, der nicht allzu schwer verletzt scheint, soll zwei andere Verletzte mitnehmen. Er tut, wie ihm geheißen – obwohl er, wie sich später herausstellt, einen Schienbeinbruch und ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat.
Am Boden eines zerstörten Waggons klingelt ein Handy. Auf dem Display erscheint das Gesicht einer Frau. Doch der Mann, den sie erreichen will, hat das Unglück nicht überlebt. Später ist wieder ein Handy zu hören, in einem Leichensack. «Das sind die Eindrücke, die man schon mitnimmt», sagt Höfler.
Die Region steht unter Schock. Faschingsfeiern werden abgesagt, der Politische Aschermittwoch fällt aus.
«Es war eigentlich unvorstellbar, dass in einem hochmodernen Land wie Deutschland einfach zwei Züge ineinander knallen», schildert Höfler. «Das schien angesichts der Sicherheitstechnik praktisch unmöglich.»
Später wird klar: Es war nicht die Technik. Ein Fahrdienstleiter hatte die Strecke freigegeben, obwohl der Gegenzug sie noch nicht passiert hatte. Er war abgelenkt – er spielte auf seinem Handy. Er bemerkt den Irrtum, drückt dann aber den falschen Alarmknopf. Wegen fahrlässiger Tötung wird er später zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Mehrfach war menschliches Versagen Auslöser eines Zugunglücks. Bei Aichach 2018 und Ebenhausen 2022 spielten Fehler von Menschen eine Rolle, ebenso in Hordorf in Sachsen-Anhalt, wo 2011 zehn Menschen starben. Nach dem Unglück von Garmisch-Partenkirchen mit fünf Toten 2022 wurden zwei Bahnmitarbeiter freigesprochen, doch die Anklage hat Revision eingelegt.
Um Fehlverhalten wie in Bad Aibling vorzubeugen, würden Aus- und Fortbildungen stetig weiterentwickelt, sagt eine Sprecherin der Deutschen Bahn. Es gebe engmaschige Kontrollen und Simulationstrainings für Fahrdienstleiter. «In den Schulungen sensibilisieren wir auch gezielt hinsichtlich der Risiken durch Ablenkung.» Zudem seien Verfahren für Notrufe angepasst worden, um Handlungsabfolgen zu vereinfachen und Verwechslungen auszuschließen. Und: Der Gebrauch privater Handys im Dienst ist verboten.
Die Ursache des Unglücks beschäftigt die Retter in den ersten Stunden nicht. Sie arbeiten im Akkord. Mannschaftswagen der Feuerwehren bringen leichter Verletzte vom Unfallort weg. Immer wieder starten Helikopter, um Schwerverletzte zu holen.
In der völlig zerstörten Führerkabine findet Höfler den schwerst verletzten Lokführer. «Sein Funktelefon baumelte im Wind.» Auch das Bild wird Höfler nicht vergessen. Der Lokführer überlebt nicht.
Ein 17-Jähriger wird erst nach etwa drei Stunden geborgen. Er ist so eingepfercht in den Trümmern, dass Höfler ihn nicht gleich sieht. Bis ihm ein Notarzt wenigstens den Zugang für Schmerzmittel legen kann, vergeht fast eine Stunde. Eine Bundespolizistin bleibt die ganze Zeit bei ihm, hält seine Hand. Mühsam kämpft er sich danach ins Leben zurück. Operationen, Therapie: «Ich kann jede zweite Nacht nicht schlafen», sagt er Monate später dem «Münchner Merkur».
Höfler hatte schon 1975 beim Unglück im nahegelegenen Warngau mit mehr als 40 Toten geholfen. Seit Bad Aibling hat der heute 72-Jährige rund 150 Vorträge im In- und Ausland gehalten, wie sich Rettungskräfte auf solche Unglücke vorbereiten können. Eine Lehre: Jeder noch so kleine Einsatz müsse professionell abgewickelt werden. Professionalität sei eine der entscheidenden Säulen.
Die Einsatzkräfte wurden damals psychologisch betreut. Etliche litten laut Höfler später unter Schlafstörungen, ein Helfer musste stationär behandelt werden, ein anderer verließ die Feuerwehr. Höfler selbst verdrängt das Erlebte teils – und teils hilft ihm seine Rolle als Einsatzleiter: «Mein Vorteil war, dass ich mit hundert Pressevertretern zu tun hatte – und mir in vielen Interviews alles von der Seele reden konnte.»
Zum Jahrestag ist ein Gottesdienst geplant, anschließend wird an der später eingerichteten Gedenkstätte unter anderem die Landtagspräsidentin und oberbayerische CSU-Chefin Ilse Aigner sprechen.
Quelle: dpa