Klima

Deutschlands letzte Gletscher: Abschied vom ewigen Eis

26. August 2026 , 05:00 Uhr

Deutschlands letzte Gletscher verlieren rasant an Fläche - bald werden sie verschwunden sein. Warum sich Menschen bereits von den Gletschern verabschieden und was Wissenschaftler fordern.

Heiß, heiß und nochmal heiß: Das hat diesen Sommer Menschen und Tieren zu schaffen gemacht – und im Hochgebirge das vermeintlich «ewige Eis» zum Schmelzen gebracht. Der schneearme Winter und der heiße Sommer setzten den vier letzten deutschen Gletschern erneut zu. 

In zwei Jahren mehr als ein Viertel der Fläche verloren 

Sie büßten schon von 2023 bis 2025 innerhalb von nur zwei Jahren mehr als ein Viertel ihrer Fläche ein. Rund eine Million Kubikmeter Eis gingen insgesamt verloren, wie eine Vermessung durch den Geografen Wilfried Hagg von der Hochschule München und den Glaziologen Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW) im vergangenen Jahr ergab. 

Vom Blaueisgletscher und Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Bergen gibt es nur noch klägliche Reste, sie könnten schon bald ihren Status als Gletscher verlieren. Bis Ende des Jahrzehnts könnte der Nördliche Schneeferner betroffen sein. Am längsten wird sich absehbar der Höllentalferner im Zugspitzgebiet halten. Er liegt eher schattig und wird im Winter noch von Lawinen gespeist. Doch auch ihm gaben die Wissenschaftler zuletzt nur noch maximal zehn Jahre. Voraussichtlich in den 2030er Jahren wird Deutschland somit keinen einzigen Gletscher mehr haben. 

Schutt auf dem Eis 

Auch dieses Jahr sei ein erheblicher Verlust zu erwarten, heißt es unter anderem bei der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus an der Zugspitze. Das sei nicht zuletzt am Nördlichen Schneeferner deutlich sichtbar, sagt Sprecherin Laura Schmidt, die vom Schneefernhaus direkt auf diesen Gletscher blickt. Es liege mehr Schutt auf dem Eis. Weil das dunkle Gestein sich mehr erwärmt, könne dies das Abschmelzen weiter beschleunigen. Nur wenn eine dicke Gesteinsschicht auf dem Eis liegt, schützt sie dieses. 

Schon die Jahre 2024 und 2025 waren laut Schmidt nicht nur global, sondern auch im Alpenraum die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Zahlen für dieses Jahr liegen noch nicht abschließend vor.

Abschiedsbesuch am Gletscher 

Die Bayerische Zugspitzbahn organisiert am schwindenden Nördlichen Schneeferner Gletscherführungen und -exkursionen, bei denen Experten die Situation erklären. Die rege Teilnahme zeige das Interesse an dem Thema, sagt Laura Schaper, Sprecherin der Zugspitzbahn. «Wir merken, dass es für viele Gäste eine Art Abschiedsbesuch ist.» Das Ende rückt näher. «Man kann dem Gletscher beim Schmelzen zuschauen.» Ursache sei der Klimawandel. «Es ist auch für unsere Gäste ein ernstes Thema.» 

Der Südliche Schneeferner hatte schon vor 2022 seinen Status als Gletscher verloren, unter anderem, weil er nicht mehr floss. Am Nördlichen Schneeferner hatten Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche vor drei Jahren mit einer symbolischen Trauerfeier auf das Gletschersterben und die Folgen der Erderwärmung aufmerksam gemacht. 

Sorge um Umgang mit Klimawandel 

Die Wissenschaftler blicken mit wachsender Sorge auf die dahinschmelzenden Gletscher, aber auch auf den Umgang mit der Erderwärmung allgemein. «Leider muss man feststellen, dass im Umgang mit dem Klimawandel fast nur noch die Rede von Anpassung ist», sagt Geograf Hagg.

Diskutiert werde etwa darüber, wie Städte zu kühlen und Wasser zu sparen sei. Kaum noch Thema sei, die Vermeidung, also Reduzierung, von Treibhausgasen. «Meiner Meinung nach ist es extrem wichtig, dass beide Strategien intensiv verfolgt werden. An jedes Zehntelgrad, das vermieden wird, muss man sich nicht anpassen», sagt Hagg.

Er hatte den Ausstieg Bayerns aus dem selbst gesetzten Klimaziel 2040 scharf kritisiert. Auch wenn es für das globale Klima keine große Rolle spiele, sei es ein verheerendes Zeichen mit Wirkung weit über die Grenzen des Freistaats hinaus, kommentierte Hagg die Entscheidung des Freistaats. «Das wirtschaftsstärkste Bundesland in der größten Volkswirtschaft Europas hat großen Vorbildcharakter.» Wenn Bayern der Welt zeige, dass eine Klimawende ohne Verlust des Wohlstands möglich sei, werde das Nachahmer finden. Wenn Bayern zurückrudere, würden auch andere eher zögern, warnte er.

Dieses Jahr werden Hagg und der Glaziologe Mayer die deutschen Gletscher voraussichtlich nicht neu vermessen, die Untersuchung fand auch zuvor nicht zwingend jährlich statt. Gemäß der bisher letzten Untersuchung vor einem Jahr hatten der Blaueisgletscher und der Watzmanngletscher zwischen 2023 und 2025 jeweils rund 45 Prozent ihrer Fläche verloren. Beim Nördlichen Schneeferner waren es rund 30 Prozent. Am besten hielt sich der Höllentalferner. Dort waren es 9 Prozent.

Auch Skibetrieb betroffen

Auch den Skibetrieb trifft es. Im März war am Zugspitzplatt eine Ära zu Ende gegangen. Dort wurde just einen Tag vor dem Welttag des Gletschers (21. März) der letzte auf einem Gletscher gebaute Lift in Deutschland demontiert. Der 1967 eröffnete Plattlift war zwei Winter lang außer Betrieb gewesen. «Der Lift-Rückbau war eine Konsequenz der Gletscherschmelze», erläuterte die Sprecherin der Zugspitzbahn. Wegen des massiven Gletscherrückgangs war der Ausstieg des Schlepplifts immer steiler geworden. Zudem hingen die Seile durch das Absinken des Untergrunds zu hoch.

Quelle: dpa

 

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