Musik in der NS-Zeit

«Kein Antisemit» - Studie nimmt Karajan neu unter die Lupe

13. Februar 2026 , 18:14 Uhr

Er gilt als eine der wichtigsten Figuren der Klassik-Welt, war jahrzehntelang Chefdirigent der Berliner Philharmoniker: Herbert von Karajan. Ein Historiker bewertet dessen NS-Vergangenheit neu.

Eine Studie über den Stardirigenten Herbert von Karajan (1908-1989) will seine NS-Vergangenheit differenzierter bewerten als bisher. Der renommierte deutsche Historiker Michael Wolffsohn arbeitete die Schattenseiten des Musikers im Auftrag des Eliette und Herbert von Karajan Institut in Salzburg neu auf. Karajan sei kein aktiver Mitläufer gewesen, sagte der Forscher über das einstige NSDAP-Parteimitglied.

Der Dirigent habe geglaubt, dass es eine Autonomie der Kunst gegenüber der Politik gebe, erklärte der Historiker der Deutschen Presse-Agentur. In seiner Studie, die am 16. Februar als Buch erscheint, kommt Wolffsohn zum Schluss, dass Karajan kein «Gesinnungsnazi» war, sondern sich aus Opportunismus der Partei anschloss.

War Karajan Antisemit?

Der aus Salzburg stammende Karajan gilt als einer der wichtigsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Er war jahrzehntelang Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, leitete die Wiener Staatsoper und prägte die Salzburger Festspiele. In früheren Studien zu seiner NS-Vergangenheit war etwa von seinen antisemitischen Einstellungen die Rede.

«Karajan war definitiv kein Antisemit», meint hingegen Wolffsohn. Das zeige sich etwa daran, dass der Künstler nach 1945 viele enge Beziehungen zu jüdischen Freunden und Musikern pflegte, die ihre Familien im Holocaust verloren und selbst überlebt hatten. Die wenigen antisemitischen Äußerungen des jungen Karajan bewertet der jüdische Historiker als «Feld-, Wald- und Wiesen-Sprüche».

Nach Wolfssohns Recherchen trat Karajan im Jahr 1935 in die NSDAP ein – und nicht bereits früher oder mehrfach, wie mancherorts zu lesen ist. Der Beitritt sei eine Voraussetzung für seinen Posten als Generalmusikdirektor in Aachen gewesen.

Karriere-Probleme während der NS-Zeit

«Was hätte er machen sollen? Hätte er Automechaniker werden müssen oder sollen?», sagte Wolfssohn. «Er hat das gemacht, was er am besten konnte und hat sich als Generalmusikdirektor in keiner Weise als Gesinnungsnazi betätigt». Karajans Karriere sei während der NS-Zeit bergab gegangen, unter anderem weil er bei Hitler künstlerisch in Ungnade gefallen sei.

«Karajan war zweifellos ein musikalisches Genie», sagte Wolfssohn. «Ein Genie ist nicht automatisch auch ein ethisches Vorbild.» Der Dirigent habe sich aber bis zu seinem Lebensende mit der Frage seiner NS-Vergangenheit beschäftigt, betonte er.

Quelle: dpa

 

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