Ultra-Rennen

Kim Gottwald läuft, bis niemand mehr steht

17. August 2026 , 06:00 Uhr

Mehr als 400 Kilometer laufen – oh Gott! Oder besser, oh Gottwald. Sportler Kim Gottwald läuft Ultra-Distanzen und teilt seine Erfahrungen auf Social Media. Was hinter dem Phänomen Ultra-Lauf steckt.

448,9 Kilometer. Ungefähr so lang ist der Weg von Duisburg bis nach Kiel. Mit dem Auto braucht man dafür etwa fünfeinhalb Stunden, mit dem Fahrrad mindestens einen ganzen Tag – wenn man es denn schafft. Und zu Fuß? Im besten Fall 67 Stunden. Jedenfalls legte der Ultraläufer Kim Gottwald die Distanz in dieser Zeit beim Last Soul Ultra-Rennen im vergangenen Jahr zurück. Ohne längere Pause, so ziemlich ohne Schlaf. 

Der Wettbewerb gehört zu den sogenannten Backyard-Ultras: In dem Lauf-Format starten Athleten zu jeder vollen Stunde in eine 6,7 Kilometer lange Runde. Wer vor 60 Minuten fertig ist, darf in der Restzeit essen, ein Nickerchen machen oder sich sonst wie erholen. Pünktlich zur nächsten Runde müssen alle wieder an der Startlinie stehen – sonst ist man ausgeschieden. Klingt machbar? Vielleicht für die ersten Runden. Der Haken: Gelaufen wird so lange, bis nur noch einer steht. Das Rennen kann sich so über Tage ziehen. 

In diesem Jahr bimmelte die Glocke zum Beginn des Last Soul Ultras am 14. August ohne den Titelverteidiger Gottwald. «Ich würde lügen, würde ich sagen, ich würde nicht gerne mitlaufen», sagt der 23-Jährige. Wegen einer nicht komplett verheilten Verletzung entschied er sich gegen die Teilnahme an der zweiten Ausgabe des Rennens, das er selbst mit initiiert hat. 

Wie alles anlief

Diszipliniert, kompetitiv, verbissen: Mit den Eigenschaften, die es für solch einen Sieg braucht, wurde Gottwald nicht unbedingt geboren. In der Schulzeit baute er nach eigenen Angaben «viel Scheiße» und war sportlich etwa im Kampfsport unterwegs. Während der Corona-Pandemie fing er mit dem Laufen an – damals noch in seinen alten Hallenschuhen.

Als sein Opa stirbt, beschließt er eines Tages, 100 Kilometer durchs Dorf zu laufen. «Es hat mich gut zerfegt, aber irgendwie hat es mich dann doch sehr fasziniert», erzählt Gottwald. Er macht weiter. Irgendwann fängt er an zu filmen und lädt die Videos auf Social Media hoch. Wie er zu allen EM-Spielen der Deutschen Nationalmannschaft läuft. Wie er von Sylt zum Schloss Neuschwanstein läuft. Und dann kam Texas.

Für den Backyard-Lauf Go One More Ultra im texanischen Austin wird sein Name unter 10.000 Bewerbungen aus dem Lostopf gezogen. Nach monatelangem Training geht er im Mai 2025 als deutscher Underdog an den Start. «Ich bin einfach Kopf durch die Wand gelaufen», sagt Gottwald. Nur noch er und ein weiterer Teilnehmer waren übrig, als eine Tornadowarnung das Ende des Rennens erzwang. «Es hat alles aus dem Nichts funktioniert», sagt er. 

Ein Format, das fesselt

Kaum zurück im Lande verkündet Gottwald, dass er wieder Seelen sammeln will – so nennt er das Ausscheiden der Lauf-Konkurrenz. Diesmal bei seinem eigenen Rennen, das er passend dazu Last Soul Ultra tauft. Backyard-Läufe gibt es eigentlich schon ewig, nur waren die Athleten lange überwiegend ältere Männer. 

Gottwald holt das Ausdauerformat in die jüngere Generation. Mit dem 23 Jahre alten Sportler können sich viele identifizieren. Der Live-Charakter des Events durch einen 24/7-Stream macht es außerdem zu einem Sportereignis, das auch Nicht-Ultraläufer fesselt. 

«Beim normalen Ultra hast du ja Start- und Zielpunkt und du läufst los und der eine setzt sich ab und dann ist das irgendwie nicht mehr so spannend», erklärt Gottwald. Bei Backyard-Ultras gibt es so was wie Vorsprung nicht. «Du fragst dich jede Stunde aufs Neue: Schafft er es diesmal?» 

Ultra? Ultra normal

Challenges mit Distanzen, die manchen Menschen schon beim Zuhören Muskelkater bescheren, sind in der Social-Media-Welt längst nichts Spektakuläres mehr. Der Algorithmus pusht die extremen Inhalte und macht sie zu omnipräsenten Medienereignissen. Hunderttausende verfolgten etwa im Mai den 600-Kilometer-Lauf von Arda Saatçi in Kalifornien. 

Erklären könne man den Drang zu Ultra-Läufen unter anderem mit den menschlichen Grundbedürfnissen, sagt Jens Kleinert von der Deutschen Sporthochschule Köln. «Wir wollen dazu lernen und uns entwickeln – und vor allem Kompetenz erleben», sagt der Leiter des dortigen Psychologischen Instituts. Neben dem Antrieb, sich zu beweisen, spiele außerdem die Unsicherheit der heutigen Welt eine Rolle: Angesichts angespannter Wirtschaft, Kriegen und weiteren Krisen suchen sich Menschen andere Kontrollbereiche.

Eine besondere Verantwortung

Seine Grenzen zu spüren und darüber hinauszulaufen, kann Selbsterkenntnisse wie auf dem Jakobsweg bringen. Oder den Weg in eine Sportsucht begünstigen. «Gerade bei Ultra-Distanzen sind nicht wenige dabei, die suchtorientiertes Verhalten zeigen», sagt Kleinert. Wenn der Selbstwert nur noch über den extremen Laufsport definiert werde und Schmerzen und Schwierigkeiten konstant ignoriert würden, könne sich das schnell verselbstständigen. 

In ihrer Doppelrolle tragen Sport-Influencer deshalb eine besondere Verantwortung. «Ich habe daraus sehr viel mitgenommen und viel gelernt, aber ich werde mich niemals hinstellen und sagen „Ey, das ist gesund und das solltet ihr machen“», sagt Gottwald. In seinen Videos teilt er auch Erkenntnisse und Fehler mit seiner Community. 

Ein Kopieren seiner Extremleistungen provoziere das selten. Gottwald beobachtet eher, dass sich viele denken würden: Wenn er mehr als 400 Kilometer läuft, dann würden sie auch vier Kilometer schaffen. Andere inspirieren, das ist seine Inspiration. «Wenn ich am Ende meines Lebens sagen kann, ich habe auch nur ein oder zwei Leben zum Positiven gewandelt, dann ist es mir mehr als genug wert.»

Quelle: dpa

 

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