Trotz stabiler durchschnittlicher Zusatzbeiträge dürften viele Versicherte in Deutschland im kommenden Jahr mehr für ihre Krankenkasse bezahlen müssen. Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) kündigte einen stabilen durchschnittlichen Zusatzbeitragssatz von 2,9 Prozent auch für 2027 an, nachdem der Schätzerkreis für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) seine Finanzprognose abgegeben hatte. Der GKV-Spitzenverband warnte dennoch vor bestehenden Finanzrisiken und kritisierte höhere Belastungen für Gutverdienende. Der tatsächlich erhobene Zusatzbeitragssatz obliegt der jeweiligen Kasse, wie der Schätzerkreis betonte.
Linnemann sagte nach Bekanntgabe der offiziellen Schätzung: «Wir haben unser wichtigstes Ziel erreicht: Der durchschnittliche Zusatzbeitragssatz bleibt im kommenden Jahr stabil.» Wenige Minuten zuvor hatten die Fachleute aus seinem Ministerium, dem Kassenverband und dem Bundesamt für Soziale Sicherung in Bonn bekanntgegeben, ein rechnerischer Satz von unverändert 2,9 Prozent für das Jahr 2027 ergebe sich aus Schätzergebnissen.
Auf diesen Satz hatte die Koalition seit Monaten hingearbeitet. Zum ersten Mal seit Jahren sollen die Kassenbeiträge nicht auf breiter Front steigen. Das Gesundheitsministerium gibt den durchschnittlichen Zusatzbeitragssatz bis 1. November bekannt. Schon am 30. Juli war ein milliardenschweres Gesetz zur Stabilisierung der GKV-Finanzen von Linnemanns Vorgängerin Nina Warken (CDU) in Kraft getreten. Für viele Ehe- und Lebenspartner wird für die – heute kostenlose – Mitversicherung künftig ein 2,5-Prozent-Beitrag fällig. Zuzahlungen für Medikamente steigen um 50 Prozent. Ausgabenbremsen treffen Praxen, Kliniken, Apotheken und die Pharmabranche.
Am Morgen wurde im Bundestag Bilanz gezogen. Der SPD-Gesundheitspolitiker Christos Pantazis nutzte die Debatte um eine Notfallreform für einen Blick zum Schätzerkreis: «Die Prognose zeigt: Unsere Anstrengungen zur Stabilisierung der GKV-Finanzen tragen Früchte.»
Doch der Finanzdruck bleibt. Laut Schätzerkreis steigen die Ausgaben der gesetzlichen Kassen voraussichtlich in einem Jahr von 370,1 auf 378,1 Milliarden. GKV-Verbandschef Oliver Blatt warnte, zum Jahreswechsel werde es weiter Kassen mit nicht aufgefüllten Reserven und eventuell erhöhtem Finanzbedarf geben. Als «ein erhebliches finanzielles Risiko» für die GKV nannte Blatt ferner das Vorhaben einer Standortklausel, mit der deutsche Pharmaunternehmen von bestimmten Rabatten befreit werden sollen. Hinter den Kulissen laufen Debatte über eine große GKV-Reform. Vorschläge soll eine vor einem guten Jahr eingesetzte FinanzKommission Gesundheit vorlegen.
Klar ist: Der 2,9-Prozent-Beitragssatz ist nur eine Orientierung für die einzelnen Kassen. Der tatsächlich erhobene Zusatzbeitragssatz kommt zum allgemeinen Beitragssatz von einheitlich 14,6 Prozent des Bruttolohns. Nach Zahlen der Kassen liegt das tatsächliche Niveau der Zusatzbeiträge inzwischen im Schnitt bei 3,1 Prozent. Die Spanne unter den 93 Kassen reicht von 2,18 bis 4,39 Prozent. Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen sagte der «Rheinischen Post» (Donnerstag): «Auch 2027 wird der durchschnittliche Zusatzbeitrag wieder tatsächlich bei mindestens 3,1 Prozent liegen.»
Gutverdienende werden wegen einer höheren Beitragsbemessungsgrenze mehr zahlen müssen. Dieser Schwellenwert bei der Beitragserhebung liegt noch bei rund 5.800 Euro im Monat, kommendes Jahr soll er auf fast 6.400 Euro steigen.
«Wie die gesetzliche Krankenversicherung ist auch die private Krankenversicherung von der hohen Kostendynamik im Gesundheitswesen betroffen», sagt der Direktor des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV), Florian Reuther. Nach einem Überblick des Verbands, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, müssen die Beiträge für rund 53 Prozent der Privatversicherten voraussichtlich zum 1. Januar steigen. Die durchschnittliche Anpassung liegt voraussichtlich bei 13,4 Prozent. Ermittelt wurde dies anhand regelmäßiger Überprüfungen der Beiträge in den PKV-Unternehmen. Der Einsatz bestimmter Überschussmittel könnte Erhöhungen noch mindern.
Allein für die Klinikbehandlungen musste die PKV 2025 rund 7,5 Prozent mehr zahlen als im Vorjahr, für Arzneimittel 8, und für ambulanten Arztbehandlungen 6 Prozent mehr.
Ihr Kassen-Sparpaket besserte die Koalition auf den letzten Metern noch nach. Angehängt an die Notfallreform wurden manche Härten abgemildert und an anderer Stelle dafür gespart. Gestrichen wurden unter anderem bestimmte Abschläge bei der hausarztzentrierten Versorgung und eine Kostenregelung zulasten der Haus- und Kinderärzte. Zudem müssen die Krankenkassen nach dem beschlossenen Entwurf bei Erhöhungen des Zusatzbeitrags ihre Mitglieder doch wieder darüber informieren.
Ruhig wird es im Gesundheitswesen nicht. Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband etwa lobte zwar das «Rückgrat» der Regierung zum Nachjustieren. Trotzdem: Leistungen würden gestrichen, Vorsorgeuntersuchungen budgetiert. Die Praxen würden das «deutlich spüren», kritisieren die Ärzte.
Quelle: dpa