Residenztheater

«Männer in Ochsenhäuten»: «Mercury» uraufgeführt

01. Mai 2026 , 03:15 Uhr

Queen-Frontmann Freddie Mercury hat viel und aufregende Zeit in München verbracht. Diese - und noch viel mehr - kommt dort nun auf die Bühne.

Manche sagen, es waren seine besten Jahre: Über Freddie Mercurys Zeit in München ist viel erzählt und geschrieben worden. Noch heute zeugt ein Mosaik an der legendären «Deutschen Eiche» davon, dass der Queen-Frontmann dort zwischen 1979 und 1985 Stammgast war, Stadtführer zeigen Touristen die Orte, an denen der Sänger lebte, feierte, liebte. 

Legendär ist die Party zu seinem 39. Geburtstag, die er im - später in «Paradiso» umbenannten – Travestie-Club «Old Mrs. Henderson» feierte und die im Musikvideo «Living on My Own» verewigt wurde. Auf 82.500 D-Mark belief sich die Partyrechnung damals, die 2023 in einem Konvolut aus Mercurys Nachlass für mehr als 30.000 Euro versteigert wurde. 

Stadt- und Musikgeschichte, Biografie, Philosophie 

Das Münchner Residenztheater bringt diese Zeit nun auf die Bühne. Im Marstall wurde das Stück «Mercury» mit viel Applaus uraufgeführt. Es ist mehr als nur eine Nacherzählung der wilden Münchner Jahre, es ist eine spannende, berührende, mit viel Herzblut erzählte Mischung aus Stadt- und Musikgeschichte, aus Biografie, Philosophie und Gesellschaftskritik. 

Im ersten Teil springt die Inszenierung von Regisseur Michał Borczuch in den «Ochsengarten», jene berühmte Münchner Schwulen- und Fetischbar, in der in Leder gekleidete «Männer in Ochsenhäuten» sich damals schon trafen und in der Mercury ebenso oft gewesen sein soll wie in der «Deutschen Eiche», wo er gern nachmittags frühstückte, wenn sonst niemand da war und wo er – so heißt es in dem Stück – «Fleischpflanzerl direkt aus der Pfanne» aß. 

«Salz fremder Haut vermischte sich mit dem Salz der Tränen»

Dort berichten verschiedene Männer von ihren Erfahrungen als Homosexuelle im München der Kardinäle Wetter und Ratzinger, von Orgien im Untergrund, ebenso flüchtigen wie intensiven Begegnungen in der dampfenden Sauna, von Verfolgung und Razzien im Englischen Garten, von Freiheit in der Unfreiheit – und von der Angst und der Trauer, die über die Szene hereinbrach, als immer mehr Männer – wie schließlich auch Mercury 1991 mit nur 45 Jahren – an Aids starben. Einer der Sätze, die in Erinnerung bleiben: «Das Salz fremder Haut vermischte sich mit dem Salz der Tränen.»

Dabei stellt das Stück die Frage danach, ob die Freiheit dieser eigentlich unfreien Jahre vielleicht ein Stück weit verloren ging, als schwule Männer anfingen, ebenso spießige Ehen zu führen wie Heteros, als sie anfingen, Familien zu gründen. Und es stellt auch die Frage, wie es weitergeht in einer nach rechts rückenden Gesellschaft. 

«Man hatte ja lange das Gefühl, es wird immer besser», sagt einer der Männer – vor allem in München, dieser «rosa Insel im schwarzen Bayern». Doch sind wir «in zehn Jahren wieder im Mittelalter»? Seine Befürchtung: «Ich glaube, die queere Kultur wird wieder verschwinden.»

Vier Freddies, ein Journalist

Erst im zweiten Teil des Stückes dann kommt Mercury selbst zu Wort – und das gleich vierfach. Vincent Glander, Thomas Hauser, Max Mayer und Pujan Sadri teilen sich – in weiße Hosen, rote Hosenträger und Paradiesvogel-Shirt gekleidet – die Rolle des Sängers. Sie stellen originale Interviewsituationen nach. Niklas Mitteregger spielt den Journalisten, seine vier Ensemblekollegen konzentrieren sich jeweils auf unterschiedliche Charakteristika des Musikers. 

Glander zum Beispiel holt einen beeindruckenden britischen Akzent raus, Mayer konzentriert sich vor allem auf die Gestiken. So ergibt sich erst im Zusammenspiel der insgesamt hervorragenden Darsteller ein Gesamtbild des schillernden, vielschichtigen Sängers, der gefeiert war und einsam, extrovertiert und zurückhaltend, aus dem Vollen schöpfend, schließlich sterbenskrank – und immer ikonisch.

Quelle: dpa

 

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