In Venezuela suchen Rettungskräfte mit Spürhunden an Tag vier der Erdbebenkatastrophe ohne Pause nach Überlebenden. Papst Leo XIV. hat seine Anteilnahme für die Betroffenen ausgedrückt. Offiziell liegt die Zahl der Todesopfer bislang bei 1.450, wie der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, mitteilte. Rund 3.200 Menschen sind demnach verletzt worden. Zehntausende werden vermisst.
Eine Sechzigjährige wurde nach 86 Stunden Einsatz am Sonntag von einem internationalen Suchteam in Caraballeda, Bundesstaat La Guaira, aus den Trümmern lebend geborgen, wie der Präsident von El Salvador, Nayib Bukele, auf der Plattform X mitteilte.
Auch ein Team des Technischen Hilfswerks (THW/Bonn) hat seine Arbeit vor Ort aufgenommen, wie das THW am Sonntag mitteilte. Einige THW-Kräfte arbeiteten aktuell an einer Einsatzstelle, an der eine überlebende Person vermutet werde, hieß es. Parallel laufe die Suche nach Verschütteten weiter. Das 48-köpfige Team war in der Nacht zu Samstag am Flughafen Caracas eingetroffen.
Zwei schwere Beben hatten am frühen Mittwochabend Ortszeit (kurz nach Mitternacht nach deutscher Zeit) den Norden und das Zentrum Venezuelas erschüttert. Auf das erste Beben der Stärke 7,2 folgte 39 Sekunden später das zweite, mit einer Stärke von 7,5. Schwere Schäden gab es besonders in La Guaira, wo der internationale Flughafen und der wichtigste Seehafen des südamerikanischen Landes liegen.
In La Guaira sind mehrere Menschen lebend geborgen worden, darunter ein Elfjähriger. Für andere der Betroffenen haben sich dagegen die schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Der argentinische Fußballspieler Lucas Trejo etwa verlor seine Frau und seine beiden Kinder – fünf und sieben Jahre alt – bei den Erdbeben, wie sein Verein bestätigte.
Der 38 Jahre alte Spieler des Zweitligisten Sport Marítimo La Guaira hatte seit Mittwoch fieberhaft nach seiner Familie unter den Trümmern seines komplett eingestürzten Wohngebäudes in Playa Grande gesucht. Frau und Kinder wurden am Samstag tot aufgefunden. Trejo spielte zuvor unter anderem für den griechischen Verein Atromitos FC (2007-2011) und in der venezolanischen Erstliga.
Papst Leo XIV. hat sich in die internationale Anteilnahme für die Betroffenen eingereiht. «Zu Gott für die ewige Ruhe der Verstorbenen betend, erneuere ich meine spirituelle Solidarität mit ihren Familien, den Verletzten und allen, die von dieser Tragödie erschüttert wurden», hieß es in einem Beitrag auf den spanisch- und englischsprachigen X-Kanälen des Pontifex. Das Oberhaupt der katholischen Kirche sprach zudem jenen seinen Dank aus, die sich an den Rettungseinsätzen und Hilfeleistungen in dem südamerikanischen Land beteiligten.
Eindrucksvolle Videos zeigen, wie sich Helfer durch schmale Spalten zwischen den Trümmern zwängen und nach schwierigen Arbeiten Menschen daraus retten – Erwachsene, Kinder, selbst wenige Wochen alte Babys. Einem kolumbianischen Team gelang es nach einem sechsstündigen Einsatz, den elfjährigen Moisés Calzadilla lebend zu bergen, wie ein Video der kolumbianischen Katastrophenbehörde UNGRD zeigt. Auch Teams aus Ländern wie El Salvador, Ecuador und Spanien meldeten erfolgreiche Rettungen.
Derweil schließt sich allmählich das kritische Zeitfenster, um noch Überlebende zu finden. Experten gehen davon aus, dass die Chancen der Vermissten und Verschütteten nach 72 Stunden – also drei Tagen – stark sinken.
Auf einem eigens für die Suche nach Vermissten eingerichteten Internetportal sind seither fast 79.000 Meldungen eingegangen. Nach Angaben der Betreiber gelten weiter fast 50.000 Menschen als vermisst. Die Angaben lassen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen. Viele Angehörige haben seit der Katastrophe nichts voneinander gehört, warten zunehmend verzweifelt auf Nachricht zum Verbleib von Familienmitgliedern. Noch immer sind Strom und Mobilfunknetz nicht überall wieder hergestellt.
Nach den Angaben von Rodríguez, nicht nur Präsident der venezolanischen Nationalversammlung, sondern auch Bruder der geschäftsführenden Regierungschefin Delcy Rodríguez, sind 30.000 venezolanische Einsatzkräfte im Katastrophengebiet im Einsatz. Auch Mediziner und Psychologen zählen dazu. Zudem beteiligen sich nach Regierungsangaben mehr als 2.700 Rettungsexperten aus 24 Ländern an der Suche nach Verschütteten.
Nach den schweren Doppelbeben am Mittwoch habe es 430 Nachbeben gegeben, sagte Rodríguez. Mehr als 70.000 Familien seien nach der Katastrophe von den Behörden unterstützt worden.
Verkehrsministerin Jacqueline Faría kündigte die teilweise Wiederaufnahme des Bahn- und U-Bahn-Betriebs ab Sonntag an, darunter von der Metro in Caracas.
Nach der jüngsten Schadensbilanz am Sonntag wurden rund 780 Wohnhäuser sowie 38 Krankenhäuser zerstört oder schwer beschädigt. Auch Einkaufszentren und andere öffentliche Gebäude seien eingestürzt – insgesamt rund 2.500 Wohngebäude und andere Einrichtungen. Die medizinischen Einrichtungen, die in Betrieb sind, würden entsprechend extrem überrannt, berichteten örtliche Journalisten.
Viele Anwohner in den betroffenen Regionen haben kein festes Dach über dem Kopf. Man begleite die Familien, die wegen bestehender Risiken und Schäden nicht in ihr Zuhause zurückkehren könnten, erklärte Delcy Rodríguez auf der Plattform X. «Wir haben provisorische Unterkünfte und die notwendige umfassende Betreuung bereitgestellt, um jede Familie zu schützen.»
Journalisten, die von den Straßen in den besonders hart getroffenen Arealen berichten, widersprechen der Darstellung, dass die Regierung sich um alle kümmere: Viele Familien blieben mit ihren kleinen Kindern auf offener Straße, aus Angst, dass weitere Nachbeben Häuser zum Einsturz bringen könnten.
Quelle: dpa