Hohe Temperaturen

Wie gut sind Pflegeheime und Kliniken gegen Hitze gerüstet?

09. Juli 2026 , 11:00 Uhr

Für ältere Menschen kann die Hitze gefährlich werden - vor allem in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser, die kaum darauf vorbereitet sind. Pflegeschützer und Mediziner fordern ein Umdenken.

Nach Einschätzung von Pflegeschützern und Medizinern sind viele Einrichtungen auf Hitzewellen bislang unzureichend vorbereitet. Hohe Temperaturen können gerade für ältere und pflegebedürftige Menschen schnell lebensgefährlich werden. Bei der Hitzephase im Juni sind nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts rund 5.100 Menschen an den Folgen der hohen Temperaturen gestorben, vor allem ältere. Das ist deutlich mehr als es in den drei Vorjahren jeweils im ganzen Jahr waren. 

Wer ist besonders betroffen?

«Statistisch gesehen sind die Menschen in Kliniken und Pflegeheimen besonders gefährdet, denn es sind meist ältere Menschen, die sich bei Hitze nicht selbst schützen können», heißt es von der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen, dem BIVA-Pflegeschutzbund. Betroffen seien aber auch zu Hause lebende ältere Menschen – «vor allem, wenn sie allein leben, in schlecht gedämmten Wohnungen wohnen, kaum Unterstützung haben oder in dicht bebauten Stadtteilen leben, in denen die Wohnungen nachts nicht mehr auskühlen».

«Einsamkeit bedeutet hier ein unmittelbares Gesundheitsrisiko», erklärte Christian Schulz vom Gesundheitsnetzwerk KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit. Wohnungen in sozioökonomisch benachteiligten Stadtteilen seien aufgrund des Versiegelungsgrads besonders betroffen. 

Wie gut sind Pflegeheime und Kliniken für Hitze gerüstet?

Ob man als Patient geschützt ist, sei oft Glückssache: Es könne auch davon abhängen, auf welcher Gebäudeseite das Bett steht, sagte Schulz. «Das ungekühlte Patientenzimmer ist in Deutschland leider nach wie vor die Regel», sagte Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). 

In einer Umfrage von 2022 hätten rund 38 Prozent der Krankenhäuser angegeben, über Klimaanlagen in Patientenzimmern zu verfügen. Das bedeute allerdings nicht, dass sämtliche Patientenzimmer dieser Kliniken klimatisiert waren, erklärte Gaß. «Wir gehen von einem viel geringeren Anteil an sämtlichen Patientenzimmern aus.» Die Nachrüstung mit Klimaanlagen scheitere vor allem an fehlenden Investitionsmitteln.

Bei den Pflegeheimen zeigt sich, dass Anlagen zur Kühlung selbst in neuen Gebäuden bisher keineswegs selbstverständlich sind: Nur 14,5 Prozent der Neubauten des Sozialwesens wurden nach Daten des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr damit ausgerüstet. Zum Sozialwesen gehören unter anderem Pflegeeinrichtungen und Kitas.

Was muss sich ändern?

«Es reicht nicht, bei Neubauten weiter so zu planen, als seien Hitzewellen seltene Ausnahmeereignisse», hieß es dazu vom BIVA-Pflegeschutzbund. Auch nachgerüstet werde nicht schnell und umfassend genug. «Wir fordern beispielsweise seit langem die Aufnahme von Mindeststandards beim Hitzeschutz in die Bauverordnungen aller Landesheimgesetze.» 

Anders als etwa bei Arbeitsräumen gebe es bisher keine festen Richtwerte für Temperatur und Luftfeuchtigkeit in Bewohnerzimmern, hieß es weiter. «Bewohnerinnen und Bewohner haben also nicht automatisch einen Anspruch auf Klimatisierung oder bestimmte Raumtemperaturen, obwohl die Einrichtung aus ihrer Fürsorgepflicht heraus Gesundheitsgefahren abwenden muss.»

Schulz von der Initiative KLUG meint: «In vielen Krankenhäusern ist Anpassung bisher überhaupt kein Thema.» Er ist aber von einem nun anstehenden Wandel überzeugt: «Diese Hitzewelle wird dazu führen, dass diese Maßnahmen nun stärker priorisiert werden.»

Wie gut werden Maßnahmen ohne Technik umgesetzt, für die keine Technik nötig ist?

Bei Pflegeeinrichtungen ist das dem BIVA-Pflegeschutzbund zufolge sehr unterschiedlich. «Es gibt Einrichtungen, die Hitzeschutz ernst nehmen, Trink- und Beobachtungspläne haben, Räume systematisch kontrollieren und kühle Aufenthaltsbereiche schaffen.» Es gebe aber auch weiter Häuser mit überhitzten Bewohnerzimmern, fehlender Verschattung, schlecht nutzbaren Lüftungsmöglichkeiten und unklaren Abläufen. 

Hinzu komme der anhaltende Personalmangel. Hitzeschutzkonzepte hätten nur dann eine Wirkung, wenn ausreichend Personal vorhanden sei, um beispielsweise häufiger Getränke anzureichen. «Ein Hitzeschutzplan nützt wenig, wenn er nur in einem Ordner liegt.» Hitzeschutz dürfe nicht davon abhängen, ob eine Einrichtung, eine Kommune oder Angehörige zufällig genug Geld, Personal und Problembewusstsein haben. «Der Schutz von Leben und Gesundheit ist eine rechtliche und ethische Verpflichtung.»

Was kann alleinlebenden Senioren helfen?

«Niedrigschwellige Angebote wie kühle Kirchen, Gemeinderäume, Stadtteilzentren, Bibliotheken oder öffentliche „Kälteinseln“ halten wir für sehr wichtig», erklärte der BIVA-Pflegeschutzbund. Sie müssten wohnortnah und barrierefrei erreichbar sein und aktiv kommuniziert werden. Wichtig sei außerdem aktive Ansprache etwa durch Nachbarschaftshilfe, Wohnungsunternehmen, Ehrenamtliche. «Hitzeschutz ist nicht nur eine Aufgabe der Pflegeeinrichtungen, sondern eine kommunale Schutzaufgabe.»

Barrierefreie, kostenlose und wohnortnahe Angebote brauche es viel mehr, betonte auch Schulz. «Die Erfahrung aus Frankreich zeigt: Gezielte soziale Maßnahmen retten Leben.» Vieles gehe auch ohne großes Budget – gezielt nach Alleinstehenden zu sehen zum Beispiel.

«Die wichtigste Botschaft ist: Hitzetote sind kein unabwendbares Naturereignis», betonte der BIVA-Pflegeschutzbund. «Angesichts des Klimawandels werden Hitzewellen künftig häufiger und intensiver auftreten. Darauf müssen sich das Gesundheits- und Pflegesystem dauerhaft einstellen.» Auch Schulz mahnte: «Wir können uns ein Weiter-so schlicht nicht leisten.»

Quelle: dpa

 

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