Alte Liebe rostet nicht? Von wegen! Die von Lore und Harry jedenfalls ist nach mehr als vierzig Jahren alles andere als frisch. Lore könnte in Altersrente gehen. Doch die leidenschaftliche Bibliothekarin kann sich das partout nicht vorstellen. Harry, einst ein hohes Tier im Bauamt, jetzt Pensionär, werkelt unentwegt im häuslichen Garten. Das Ehepaar existiert im Bann von Zwist, Missmut und Gleichförmigkeit eher neben- als miteinander.
Eine Einladung zur anstehenden dritten Hochzeit der Tochter rüttelt an der Routine. Sollen die beiden zur Feier fahren? Neben dieser eher nebensächlichen Frage steht plötzlich die bedeutendere im Raum, ob es nicht auch in späten Jahren möglich ist, gemeinsam neu durchzustarten.
Um darauf eine Antwort zu finden, müssen Lore und Harry wieder näher zueinanderkommen. Was alles andere als einfach ist. Ängste, Verletzungen und auch Eitelkeiten sorgen für Stolpersteine. Den Weg des Paares beobachtet das behutsame Kammerspiel «Alte Liebe» von Andreas Dresen in vier nach den Jahreszeiten geordneten Kapiteln.
Lore und Harry – das sind Dagmar Manzel («Coming Out», «Der verlorene Mann») und Joachim Król («Berlin Alexanderplatz», «791 km»). Ein Traumpaar! Jeder Augenblick wirkt unverfälscht. Es ist, als schaue man dem wahren Leben zu. Manzel und Król schreiten und stolpern, schweben und tanzen durch eine Flut an Empfindungen, sind kratzbürstig und zart, laut und leise, mal offen, dann verschlossen und noch viel mehr.
Das Hauptdarsteller-Duo strahlt selbst in harschen Momenten eine enorme Herzenswärme aus. Die zwei ziehen wohl jede und jeden in ihren Bann. Und das nicht allein dank emotionaler Intensität und fein geschliffenem Witz. Die Schauspielstars fesseln mit völlig wahrhaftig anmutenden Charakterstudien. Lore und Harry sind keine durchgestylten Filmfiguren, sie sind Menschen. Und diese Menschen erleben nichts Sensationelles. Alles ist nachvollziehbar. Viele im Kinosaal dürften sich auf der Leinwand selbst erkennen.
Den absolut uneitel auftretenden Akteuren stand ein kluges Drehbuch zur Verfügung. Geschrieben haben es Regisseur Andreas Dresen und Autorin Laila Stieler. Sie haben bereits mehrfach erfolgreich miteinander gearbeitet, zuletzt bei «In Liebe, Eure Hilde» (2024). Sämtliche Dialoge und Situationen muten derart authentisch an, dass man auf die Idee kommt, vor der Kamera wäre durchweg improvisiert worden. Dresen und Stieler erweisen sich mit diesem Film endgültig als Meister eines Kinos der Wahrheit, der Lebenswahrheit.
Vorlage des Drehbuchs ist der 2009 erschienene Bestseller «Alte Liebe» von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder. Das Autoren-Gespann hat ein westdeutsches Paar mit spezifischen Erinnerungen wie etwa an die Studentenrevolte der späten 1960er-Jahre porträtiert. Doch Laila Stieler und Andreas Dresen haben eigene Erfahrungen eingewoben und damit das Geschehen verändert. Sie erzählen von Eheleuten, die aus der DDR stammen, wie sie selbst. Dadurch hat die geistreiche Erzählung eine Dimension mehr, spiegelt pointiert jüngere deutsch-deutsche Geschichte.
Wie alle Inszenierungen von Andreas Dresen zeichnet sich auch diese durch eine bezwingende Sensibilität aus. Selbst kurze Slapstick-Auftritte der berühmten Schriftsteller Christoph Hein («Das Narrenschiff») und Clemens Meyer («Die Projektoren») haben eine sanfte Poesie. Hervorzuheben ist daneben der Musikeinsatz. Komponistin Annette Focks («Wunderschön») und Music Supervisor Jens Quandt («Lieber Thomas») haben keinen beliebigen Klangteppich beigesteuert, sondern kommentieren das Geschehen wirkungsvoll mit einem zurückhaltenden Sound.
Die erzählerische Feinheit von «Alte Liebe» erinnert an einen deutschen Kino-Klassiker des legendären Regisseurs Helmut Käutner (1908 – 1980), «Unter den Brücken», uraufgeführt 1946. Wie dort, so wird auch hier mit hinreißender Zärtlichkeit und bezaubernder Leichtigkeit über Schönheiten und Schwierigkeiten des Zusammenseins nachgedacht. Wie dort, trumpfen auch hier herausragende Schauspiel-Persönlichkeiten auf. Kameramann Michael Hammon («Stiller») hat sie mit sicherem Gespür für eine reizvolle Balance von Nähe und Distanz fotografiert.
Das A und O dieses Kino-Juwels ist die Kunst der Hauptdarsteller. Sie machen ganz Gewöhnliches zu Besonderem. Ein Fest für Freunde großer Schauspielkunst! Wenn Dagmar Manzel und Joachim Król in einer Schlüsselszene zu einem Tanz zusammenkommen, möchte man sich mit ihnen wiegen. Für einen Atemzug setzt der Gang der Welt aus. Spielfilme, die das Publikum derart packen, sind überaus rar.
Quelle: dpa